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Fernseh-Qualitätsdebatte : Der Statist muss vom Schrank springen!

  • -Aktualisiert am

Unterhaltung à la ZDF: Thomas Gottschalk nach seinem Eintauchen in ein riesiges Senfglas Bild: AP

Das Fernsehen ist das Ergebnis einer endlosen Abspielindustrie und eines übermächtigen Konkurrenzdrucks. Carla Bruni-Sarkozy singt bei „Wetten dass...?“ erst in absurder Kulisse und wird auf dem Sofa garantiert nichts gefragt. Ein Beitrag zur Qualitätsdebatte von dem Moderator Holger Weinert.

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          Es war ein tragischer Unfall, der mich vor mehr als zwanzig Jahren begreifen ließ, wie Fernsehen funktioniert. Das mehrfach preisgekrönte, flott gemachte Regionalmagazin, bei dem ich frisch von der Zeitung weg angeheuert hatte, brauchte noch ein Thema für den Abend. Die Köpfe rauchten, und der Mitarbeiter mit Vorliebe für Soziales schlug vor, über eine Mahnwache zu berichten. An einer Ampel war ein radelndes Kind von einem abbiegenden Lastwagen überfahren worden. Das Thema fand keine Gegenliebe. Betroffenheitsjournalismus verkaufe sich schlecht, befand der Redaktionsleiter. Wenige Tage später fand sein einziges Kind auf dieselbe Weise den Tod.

          Mir ist diese Tragödie unvergesslich geblieben. Sie wirft, bei aller Zufälligkeit der Ereignisse, ein bezeichnendes Licht auf das Fernsehgeschäft: Form geht im Zweifel vor Inhalt, Unterhaltung vor Information. Am sichersten ist es, zu senden, was verkäuflich ist. Am nächsten Morgen lauert die Einschaltquote - Benotung täglich und öffentlich.

          Fernsehniveau fühlbar heben

          Kennen Sie noch irgendein umständliches landespolitisches Magazin, oder schauen Sie eines? Unverkäuflich, außer es widmet sich besonderen Bürgeranliegen, Medizinskandalen. Wirtschaftsmagazine haben sich vielfach auf zugkräftige Verbraucherthemen verlegt. Magazine bei den Privaten wie die „Akte“ von Sat.1 kommen bedeutungsvoll daher, liefern aber nur möglichst reißerische Themen und kündigen vor der Werbepause gern schnell noch ein Sexthema an.

          Günther Jauch moderiert seit Jahren erfolgreich die Quizshow „Wer wird Millionär?”
          Günther Jauch moderiert seit Jahren erfolgreich die Quizshow „Wer wird Millionär?” : Bild: dpa

          Ich fürchte, wir haben zu viel Fernsehen für unser gar nicht großes Deutschland. Wie anders ist es zu erklären, dass ich manchmal durch dreißig Programme zappe und nichts finde, was mich interessiert. Inzwischen mache ich es wie viele der kultur- und informationsorientierten Zuschauer und lande manchmal sogar gezielt bei Phoenix oder 3sat, um mein Fernsehniveau fühlbar zu heben.

          „Bauer sucht Frau“

          Klar, Fernsehen ist kein reines Informationsmedium. Seine größten Triumphe lagen auf dem Feld der Unterhaltung, der Verlängerung des Varietés und der Bühne ins Wohnzimmer. Das waren Sternstunden damals mit Frankenfeld und Kulenkampff, und alles zu Hause. Es folgte aber auch noch geradezu feierlichen Ritualen. Diese Showmaster hatten Geist und Wärme. Sie waren von alter Schule und keine Mannequintypen ohne Substanz.

          Warum wohl ist Günther Jauch so erfolgreich? Weil er hochintelligent, spitzbübisch und schlagfertig ist. Obwohl sein „Wer wird Millionär?“ eine einzige Schablone ist. Der Trend seit langem geht zur Tupperware-Unterhaltung. Dieselben Formate weltweit, abgekupfert bis runter ins Regionalfernsehen. Das macht im Fall Jauch nicht viel aus, es ist ja geradezu ein Bildungsformat. Albern wird es für mich schon bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Bauer sucht Frau“. Statt originärer eigener Showideen erleben wir als Zuschauer, wie uns ein Klischee in den Würgegriff nimmt.

          Die Isetta lag im Bett

          Und dann die Inhalte: Hape Kerkeling hat nicht nur, was Religiöses angeht, Sinnfragen gestellt. Schon in den frühen Neunzigern karikierte er auf geniale Weise das Showgebaren des Fernsehens. Sein Film „Kein Pardon“ kam mir vor wie eine Parodie meines eigenen zeitweiligen Showbetriebs. Schlüsselszene: Solange der Statist ganz normal auftritt, ist das nicht lustig. Er muss vom Schrank springen! Meinte die Crew, und der Statist brach sich die Beine.

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