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Fernseh-Humor : Der Narr ist heute der König

Sie sind überall, auch bei „Wetten, dass...?”: Horst Schlämmer becirct Claudia Schiffer Bild: picture-alliance/ dpa

Im Fernsehen unserer Kindertage waren die Komiker nur Randfiguren. Heute haben sie die Hauptrolle übernommen. Den Lachsalven auszuweichen, ist dem Zuschauer kaum mehr möglich: Die Comedians sind zu den neuen Leitfiguren geworden. Von Jörg Thomann.

          4 Min.

          Im Fernsehen unserer Kindertage war der Komiker eine Randfigur. Die Unterhaltungsshows der siebziger Jahre wie „Am laufenden Band“ oder „Dalli Dalli“ bestanden aus Schlagern, Ratespielchen und gepflegten Plaudereien des gastgebenden Grandseigneurs mit seinen Gästen. Eine Nebenrolle spielte ein Mann, bei dem es sich gern um einen wohlbeleibten Herrn im besten Alter handelte; wenn er auftrat, wusste das Publikum, dass nun gelacht werden sollte. In Sketchen diente er dem Showmaster als „Sidekick“, und so gemütlich wie der Dicke waren seine Späße. Was es sonst noch gab an Humor im deutschen Fernsehen, das sah sehr übersichtlich aus: etwas Kabarett, etwas Karneval und etwas Klamauk, dargeboten von langhaarigen jungen Männern mit Gitarre.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute haben die Humoristen die Hauptrolle übernommen. Wir sehen sie, die sich nun Comedians nennen, immer und überall. Über breite Programmstrecken bieten die Privatsender Comedy-Monokultur; freitagabends und sonntagvormittags bei Sat.1 kann man sich vier Stunden, montagabends bei Pro Sieben fünf Stunden am Stück belustigen lassen. Wem das nicht reicht, dem bieten Spartenkanäle wie „Comedy Central“ und „Sat.1 Comedy“ Ulk rund um die Uhr. Der Fernsehschaffende, der im Jahr 2006 mehr Auftritte verbuchen konnte als jeder andere, ist nicht Johannes B. Kerner, sondern bezeichnenderweise ein Komiker: Stefan Raab.

          Ein lachbereites Volk

          Die Deutschen seien „sehr lachbereit, ein gutgelauntes Volk“, bestätigt die frühere Familientherapeutin und heutige „Schillerstraßen“-Gastgeberin Cordula Stratmann. Ihr Kollege Oliver Kalkofe erklärt den Siegeszug der Comedy damit, dass man „erst einmal die Kriegsschuld verarbeiten“ musste. Ein banalerer Grund liegt in der Natur des Fernsehens: Die meisten Comedy-Programme können preiswert produziert werden, setzen auf Gags fern der Tagesaktualität und können folglich oft wiederholt werden. Am einfachsten ist es, dem Publikum ein abgefilmtes Bühnenprogramm vorzusetzen.

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          Wer meint, den Lachsalven ausweichen zu können, der täuscht sich: Längst haben die Komiker ihre angestammten Reviere verlassen. Raab hat mit „Schlag den Raab“ die Familienshow wiederbelebt und Sportsendungen erfunden, die von den Öffentlich-Rechtlichen schamlos kopiert werden. Wigald Boning bringt uns in „Clever“ die Wissenschaft näher, Jürgen von der Lippe in „Was liest du?“ das gute Buch. Harald Schmidt präsentierte eine Opernübertragung und ein Politmagazin. Hape Kerkeling setzte sich mit einem Bericht über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg für viele Monate an der Spitze der Bestsellerliste fest: der Komiker als gesellschaftliche Leitfigur. Gerade hat der Volkshochschulverband, bislang nicht als Heimstatt des Witzes bekannt, Kerkeling mit dem Grimme-Preis geehrt, den mit von der Lippe noch ein weiterer Humorarbeiter bekam. Comedians treten als Schauspieler im Kino, als Synchronsprecher und in der Werbung auf, und damit schon den Kleinsten deutscher Humor eingeflößt wird, gehören Dirk Bach und Anke Engelke zur Stammbesetzung der „Sesamstraße“. Selbst das gute alte Kabarett wird von der Spaßwelle mitgerissen und hat mit „Neues aus der Anstalt“ ins ZDF zurückgefunden.

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