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Feed-Tests in sechs Ländern : Facebook spielt mit den Zeitungen Verstecken

Experimentierfreudig: Facebook-Chef Mark Zuckerberg Bild: dpa

In sechs Ländern hat Facebook journalistische Beiträge aus den News Feeds seiner Nutzer verbannt. Der Test trifft gerade die slowakischen Medien in einer politisch heiklen Zeit.

          Die Zahlen, die der slowakische Journalist Filip Struhárik am Samstag veröffentlicht hat, sprechen für sich: Seit Donnerstag verzeichnen sechzig der größten Medienseiten seines Landes im Internet einen massiven Interaktionseinbruch. Ihre Beiträge werden gerade einmal ein Viertel so oft kommentiert, geliked und geteilt wie zuvor. Der Grund: ein Facebook-Test. Nutzer des sozialen Netzwerks hätten sich beschwert, erklärt das Unternehmen, dass sie nur mit Mühe zwischen den abonnierten Neuigkeiten von Medien und Institutionen die Posts ihrer „Freunde“ finden könnten. Deshalb hat Facebook kurzerhand in sechs Ländern, zu denen neben der Slowakei auch Serbien, Bolivien, Kambodscha, Guatemala und Sri Lanka gehören, für ihre Nutzer neben dem gewohnten News Feed eine zweite Liste namens Explore eingerichtet – und alle nicht von persönlichen Profilen, sondern von Seiten aus veröffentlichten Beiträge dorthin verschoben.

          In der Slowakei ist der Einbruch der Interaktionszahlen der Leser dramatisch, vor allem für kleinere journalistische Angebote ohne ausreichend große Stammleserschaft. Filip Struhárik arbeitet für die erst seit Januar 2015 erscheinende regierungskritische Tageszeitung „Dennik N“.

          Um wieder in der Hauptliste der Nutzer aufzutauchen, bleibt den journalistischen Angeboten bei Facebook ein Weg: Sie können dafür zahlen – und ihre Veröffentlichungen als Sponsored Posts wie Werbung schalten. Ist das die Rolle, die Facebook dem Journalismus in seinem Netzwerk künftig zugedacht hat – als Werbekunde? Adam Mosseri, bei Facebook für den News Feed zuständig, beschwichtigt in der gewohnten Diktion des Unternehmens: Man höre immer auf Verbesserungsideen von Seiten der Nutzer. Mit diesem Test gehe es darum herauszufinden, ob sie die Aufteilung in einen Bereich für private und einen für öffentliche Posts vorzögen. Es gebe gegenwärtig keine Pläne, diese Lösung außerhalb der Testländer anzubieten oder Seiten bei Facebook für ihre Beiträge im News Feed oder Explore zahlen zu lassen. Wie bei allen Tests wolle Facebook auch hier in den kommenden Monaten verstehen, was für die Nutzer und die Verlage am besten ist. Der Tests werde wohl tatsächlich Monate dauern, bestätigt Mosseri Struhárik bei Twitter, schließlich müsse man den Nutzern Zeit geben, mit dem Angebot vertraut zu werden. Allerdings sei das Unternehmen bemüht, das Angebot schon in dieser Zeit zu verbessern.

          Dass es vor Auswertung der Testergebnisse keine Pläne für eine Ausweitung oder gar Anwendung gibt: geschenkt. Dass Seiten auch künftig für ihre Beiträge „im News Feed oder Explore nicht zahlen“ müssten – ist bei der Schwammigkeit der Formulierung keine Beruhigung. Interessant ist vielmehr, dass Facebook dieses Experiment zum Nachteil des Journalismus erst erklärte, als es schon für Aufregung gesorgt hatte, während das Unternehmen am Tag des heimlichen Testbeginns stolz und öffentlich auf einen zweiten Test hinwies: den einer Kooperation mit zunächst gut einem Dutzend Zeitungen und Zeitschriften, zu denen in Deutschland „Bild“ und „Spiegel“ gehören. Fürs erste lediglich auf Smartphones und Tablets mit dem Betriebssystem Android bietet Facebook den Verlagen künftig an, dem Leser ihre komplett im sozialen Netzwerk veröffentlichten „Instant Articles“ in Abonnements zu verkaufen, wobei die Herausgeber „die Kontrolle über die Preisgestaltung, die Angebote und die Abonnentenbeziehungen sowie 100 Prozent des Umsatzes“ erhalten sollen. Auch wenn diese Abonnements „den kompletten Zugang zu den Websites und Apps des Herausgebers“ umfassen sollen: die „Instant Articles“ bleiben Publikationen bei Facebook – und die Leser für die Lektüre im sozialen Netzwerk.

          „Wir freuen uns darauf“, jubelte Facebook am Donnerstag, „mit unseren Partnern zusammenzuarbeiten, um dieses wichtige Business-Modell für die Nachrichtenbranche nachhaltig zu unterstützen.“ Anderswo heißt das vorgeführte Verfahren „Zuckerbrot und Peitsche“. Während Facebook-Chef Mark Zuckerberg sein wenig nahrhaftes Zuckerbrot in Amerika, England, Frankreich oder Spanien austeilen lässt, sind die Länder, in denen die Peitsche geschwungen wird, auffallend klein. Die Frage, ob sich Facebook der möglichen Auswirkungen für die Demokratie in der Slowakei bewusst sei, wo am 4. November Regionalwahlen stattfinden, beließ der News-Feed-Chef Adam Mosseri bei Twitter ohne Antwort.

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