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FDJ-Dokumentation im Ersten : Im Reich der aufgehenden Sonne

Ein Herz und eine Ideologie: Zwei FDJler küssen sich bei den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ost-Berlin 1973 Bild: NDR/Progress Filmverleih GmbH

Wenn Blauhemden auf die Parole „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ mit „Immer bereit!“ antworten: Im Ersten untersuchen Lutz Hachmeister und Mathias von der Heide das Geheimnis der FDJ. Das Verblüffendste ist die Schilderung der Jahre vor 1945.

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          Da stehen sie schon in der ersten Einstellung: kleine Kinder in blauen Hemden, die Hand seltsam verdreht über dem Kopf gehalten, und man hört im Geiste schon, was jetzt von vorne erklingen muss, als Begrüßung irgendeines wichtigen Erwachsenen, eines Funktionärs, einer Lehrerin, eines Offiziers, einer Jugendklubleiterin, der Satz: „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ Und die Antwort hätte gelautet: „Immer bereit!“ Aber die Bilder bleiben zunächst stumm.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Lutz Hachmeister und Mathias von der Heide beginnen ihren Dokumentarfilm „Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend“, der an diesem Dienstagabend im Ersten läuft, mit der Vorstufe zur FDJ: den Pionieren. Das waren die Kleinen, die mit dem blauen Halstuch und ebendem Pioniergruß. In der FDJ bekam man ein blaues Hemd ohne Halstuch, und es ging zur Begrüßung knapper zu: „Freundschaft!“ - so wie der Film heißt. Aber da beides zusammengehörte, Pionier-Kindheit und Freie Deutsche Jugend, und da auch das, was danach kam - EOS (Erweitere Oberschule), Armeedienst, SED -, bei einer ostdeutschen Karriere zwingend waren, tun Hachmeister und von der Heide gut daran, nicht nur die FDJ abzuhandeln, sondern sie als das Scharnier zu begreifen, das sie in der DDR von Beginn an war. Von „Kaderschmiede“ reden die Gesprächspartner gerne, und wenn man bedenkt, dass sowohl Erich Honecker als auch Egon Krenz vor dem höchsten Staatsamt die Funktion eines Vorsitzenden des FDJ-Zentralrats innehatten, stimmt das auch. Der letzte Chef der DDR-Jugendorganisation hieß Eberhard Aurich. Im Zentralkomitee der SED saß er schon, als die Mauer fiel. Danach wurde er Geschäftsführer eines Berliner Schulbuchverlags.

          Leider ist es Hachmeister und von der Heide nicht geglückt, Aurich oder Krenz vor die Kamera zu bekommen. Doch ansonsten ist die Liste ihrer Gesprächspartner beachtlich: die Politiker Hans Modrow, Petra Pau, Lothar Bisky und Katrin Göring-Eckardt, den Filmregisseur Andreas Dresen oder den Rammstein-Musiker Christian „Flake“ Lorenz, um nur die bekanntesten zu nennen. Nicht alle waren in der FDJ. Lorenz etwa war kurz vor der Wende Mitglied der DDR-Punkgruppe „Feeling B“ und vertrat all das, was der offiziellen Politik unheimlich war: Respektlosigkeit, Eigensinn, Freiheit. Das also, wofür die FDJ einmal hätte stehen sollen.

          Fahnenparade zum 40. Jahrestag der FDJ
          Fahnenparade zum 40. Jahrestag der FDJ : Bild: NDR/Progress Filmverleih GmbH

          Das Grundgefühl überlebt zu haben

          Denn das Verblüffendste an der Dokumentation ist die Schilderung der Jahre vor 1945. Die FDJ, Inbegriff der DDR wie sonst nur noch Stasi und SED, war dreizehn Jahre älter als der sozialistische Staat. Sie wurde 1936 von kommunistischen Exilanten gegründet und hatte die politische Bekämpfung des Nationalsozialismus zum Ziel. So versammelten sich etliche ehrenwerte Widerstandskämpfer unter der Fahne der aufgehenden Sonne, und dieser Nimbus hat sich ungeachtet aller politischen Perversionen, die sich die FDJ leistete, teilweise bis heute gehalten. Es ist erstaunlich, wie etwa Klaus Bölling, ehedem Bonner Regierungssprecher unter Helmut Schmidt, sich an Erich Honecker erinnert: „Er war ein rechtschaffener Mann.“ Warum? Weil er sehr prüde gewesen sei, nicht getrunken und nicht geraucht habe. Wenn das die Kriterien für Rechtschaffenheit sein sollen ...

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