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FBI-Informant bei Wikileaks : Die Saga von Siggi und Julian

Den Mann in der Mitte (Julian Assange) kennt jeder. Den großen Jungen links nicht. Dabei hat Sigurdur „Siggi“ Thordarson bei Wikileaks eine Rolle gespielt. Doch welche? Bild: Getty Images

Das FBI hatte einen Informanten bei Wikileaks: den jungen Isländer Sigurdur Thordarson. Der sieht aus wie ein Milchbubi. Aber er heißt nicht umsonst „Siggi, der Hacker“. Die Frage ist, was und für wen er vielleicht gehackt hat. Eine Spionagegeschichte.

          Es ist eine Räuberpistole sondergleichen, filmreif. Die Kurzversion: Ein junger Mann, achtzehn Jahre alt, der aber noch nicht volljährig aussieht, dafür einen Straftatenkatalog hat wie ein alter, begnadeter Hacker, erlangt das Vertrauen des Wikileaks-Gründers Julian Assange. Arbeitet zwei Jahre lang an dessen Seite, dient zugleich der amerikanischen Bundespolizei FBI als Informant, fliegt bei Wikileaks raus, könnte aber - darüber gehen die Meinungen auseinander - Informationen mitgenommen haben, die für den Prozess gegen den Wikileaks-Informanten Bradley Manning wichtig sind, der seit Anfang dieses Monats wegen Geheimnisverrats unter Anklage steht. Bei einer Verurteilung droht Manning lebenslange Haft.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der junge Mann, von dem hier die Rede ist, stammt aus Island und heißt Sigurdur Thordarson. In informierten Kreisen ist er „Siggi, der Hacker“. In noch informierten Wikileaks-Kreisen trat er unter dem Pseudonym „Q“ auf. „Q“ wie der berühmte Quartiermeister von James Bond, dessen technische Erfindungen dem Meisterspion Ihrer Majestät oft einen lebensrettenden Vorteil verschafften. Doch wer war dieser „Q“ bei Wikileaks?

          Die kleine Entourage

          Er war Administrator eines Wikileaks-Forums bei Facebook und hat T-Shirts verkauft. Sogenannte „Spreadshirts“, die man selbst bedrucken kann, in diesem Fall mit Slogans für die Enthüllungsplattform Wikileaks, die am Verkauf der Hemden verdient. So zumindest stellt es Kristinn Hrafnsson dar, einer der wenigen offiziellen Vertreter und Sprecher von Wikileaks. Sigurdur Thordarson sei ein „Freiwilliger mit einer untergeordneten Rolle“ gewesen, sagt Hrafnsson im Gespräch, einer von vielen Freiwilligen, jemand, den man keineswegs als vertrauenswürdig einschätzen könne. „Er ist extrem ökonomisch mit der Wahrheit umgegangen“, sagt Hrafnsson und nennt Siggi, den Hacker, einen „Lügner“ und „Dieb“, der offenbar auch ein psychologisches Problem habe. Ein T-Shirt-Verkäufer mit schlechtem Leumund also.

          Das verhinderte aber offenbar nicht, dass dieser Siggi bei Wikileaks vorankam und nahe an Julian Assange heran. Auf Bildern posieren die beiden im Schulterschluss, bei einem Gerichtstermin im Juli 2011 steht Siggi wie ein milchgesichtiger Bodyguard neben Assange. Das beweise gar nichts, sagt Hrafnsson, viele Leute wollten auf ein Foto mit Julian Assange. Damit hat der Wikileaks-Sprecher vielleicht sogar recht. Doch erklärt das nicht unbedingt, warum Siggi überhaupt zu der kleinen Entourage gehörte, die Assange zu Gerichtsterminen begleitete. Und es erklärt auch nicht, warum Birgitta Jonsdottir, isländische Parlamentsabgeordnete und ehemalige Wikileaks-Mitstreiterin, mit ihrer Warnung vor diesem seltsamen Siggi auf taube Ohren stieß. Assange habe ihn erstmals getroffen kurz bevor im April 2010 das berühmte Video „Collateral Murder“ herausgebracht wurde, das zeigt, wie eine amerikanische Hubschrauberbesatzung Aufständische in Bagdad beschießt und dabei Zivilisten trifft, unter anderem zwei Journalisten. Schon damals, sagt Jonsdottir, habe sie gewarnt, mit Siggi sei etwas faul.

          Ein Verfolger

          So zumindest berichtet es Kevin Poulsen in dem amerikanischen Magazin „Wired“. Er hat auch mit Sigurdur Thordarson gesprochen. Der erzählt frank und frei, wie er dem FBI als Informant diente. Mickrige fünftausend Dollar will Siggi dafür bekommen haben. Würde man von diesem Preis auf den kompromittierenden Wert seiner möglichen Angaben schließen, könnten die nicht viel wert sein. Aber das genau ist die Frage.

          Siggis Rolle als vermeintlicher T-Shirt-Verkäufer ist auch dem Wikileaks-Mitbegründer, aber dann Aussteiger Daniel Domscheit-Berg unangenehm aufgefallen, wie man in seinem Buch „Inside Wikileaks“ nachlesen kann. Unerfindlich sei dessen Aufstieg gewesen. Aber wohl irgendwie passend zu der Persönlichkeit Julian Assange, wie Domscheit-Berg sie beschreibt - ein Mann, der scheinbar für radikale Transparenz eintritt, diese aber nicht gelten lässt, sobald es um seine eigene Person geht. Ein Verfolgter.

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