https://www.faz.net/-gqz-72zne

FAZ.NET TV-Kritik : Parkett oder Laminat?

  • -Aktualisiert am

Darf es auch ein bisschen mehr sein bei der Auswahl des Bodens? Bild: dapd

Die Deutschen werden immer reicher - allerdings nur in den oberen Einkommensschichten. Anne Will diskutierte daher die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg. Sie ist gut begründet, wie sich zeigen sollte.

          Gute politische Talk-Shows leben von ihren Gästen. Vor allem dann, wenn es unverbrauchte Gesichter sind, deren Perspektive der Zuschauer noch nicht kennt – und die daher auch nicht lediglich die Erwartungen des Publikums an bekannte Argumentationsfiguren befriedigen. Anne Will hatte am Mittwochabend einen solchen Gast in ihre Sendung zum Thema „Mittelschicht in Abstiegsangst – bleiben die Fleißigen auf der Strecke“ eingeladen.

          Die Journalistin und Autorin Kathrin Fischer, Jahrgang 1967, berichtete von ihren Erfahrungen. Der Ausgangspunkt war ein Besuch bei ihrem Englisch-Lehrer. Sie fragte sich, warum er trotz eines ähnlichen Einkommens soviel mehr aus seinem Leben machen konnte als sie selbst. Er hatte Parkett und Frau Fischer den Laminat-Fußboden. Sie hat die typische Baby-Boomer-Biographie: Ihre Eltern repräsentieren den Mittelstand vergangener Zeiten mit dem eigenen Haus – und wohl einem Pferd statt dem obligatorischen Mittelklasse-Automobil.

          Sie beschrieb sehr prägnant ihre früheren Erwartungen an die Zukunft: „Das Leben geht weiter, wie bei meinen Eltern, nur cooler.“ Davon ist nichts übrig geblieben. Statt des Hauses die Mietwohnung und die Einsicht, sprichwörtlich nur noch auf einen grünen Zweig zu kommen – im Gegensatz zum besagten Englisch-Lehrer mit einem vergleichbaren sozialen Status. Frau Fischer konnte das erklären: Die Privatisierung früherer Sozialleistungen, stagnierende Realeinkommen, ein Steuersystem mit der Verschiebung von den direkten Steuern zu den Konsumsteuern.

          Nun habe sie ja nichts dagegen, wenn ihr Einkommen sinkt, weil etwa „kolumbianische Bananenpflücker“ höhere Einkommen durchsetzen und daher Konsumgüter teurer würden. Nur sehe sie nicht ein, dass man ihre sinkenden Einkommen dafür verwendete, um „Yachten mit Teakholz“ auszustatten. Der Bürger konnte es in diesen Tagen im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung nachlesen: Die Deutschen waren immer reicher geworden. Allerdings lediglich die oberen zehn Prozent in der Einkommens- und Vermögensverteilung.

          Ein armer Tor, so schlau, wie schon zuvor

          Frau Fischers Ausgangspunkt waren jene 80er Jahre des vorherigen Jahrhunderts als in Deutschland Helmut Kohl in einer schwarz-gelben Koalition regierte. Der FDP-Wirtschaftsminister hieß „Marktgraf“ Otto Graf Lambsdorff. Bekanntlich will die Union in diesen Tagen das Jubiläum der Wende feiern. Der Vorwurf sozialistischer Umverteilungspolitik wäre sicherlich ein interessanter Vorwurf an den „Kanzler der Einheit“, aber der FDP-Generalsekretär Patrick Döring wird wohl an diesem Tag nicht sprechen.

          So saß er da bei Anne Will als armer Tor, und war so schlau, wie schon zuvor. Döring rasselte seine Argumente herunter: Es fielen Worte wie „Arbeitsplätze schaffen“, „Verantwortung“, „Mittelstand“ und natürlich „Freiheit“. Nur auf die Feststellungen von Frau Fischer gab es keine Antwort. Dabei formulierte sie nicht auf Englisch. Den „Marktgrafen“ kann man bedauerlicherweise nicht mehr einladen. Er ist 2009 verstorben. So sah Döring älter aus als es der Graf Lambsdorff je gewesen war.

          Wie finanzieren wir Kriege?

          Uwe Hück, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei der VW-Tochter Porsche, ist seit langen Jahren bewährter Gast in diversen Diskussionssendungen. Er schlug vor, „sich nicht zu streiten“ und informierte über die Lohngruppe 8 bei Porsche (4.000 Euro brutto im Monat). Zudem solle man sich in der Wirtschaft nicht an Hedgefonds orientieren. Das wird ein ehemaliger Finanzvorstand seines Arbeitgebers mit Interesse zur Kenntnis genommen haben.

          Zudem hatte er die Idee, dass man Reichensteuern lieber für Bildung als für „Kriege“ verwenden sollte. Bedeutet das jetzt mit den 19 Prozent Mehrwertsteuern auf Windeln die Bundeswehr zu finanzieren? Aber auch Döring konnte nicht plausibel erklären, warum eigentlich die Doppelbesteuerung bei der Erhebung von Vermögenssteuern so ein Problem sein soll, während der Erwerb der Mehrwertsteuer-pflichtigen Windeln aus versteuerten Einkommen kein Problem ist. Man ahnt die Antwort: Weil auch Reiche Windeln brauchen?

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.