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FAZ.NET-TV-Kritik: Böhmermanns „Neo Magazin“ : Adieu, du alte Bumsbuchtante

  • -Aktualisiert am

Inhalte überwinden: Jan Böhmermann ist der Unernst ernst Bild: dpa

Jan Böhmermanns neue Comedy-Show „Neo Magazin“ zeigt, wie Unterhaltung sein kann, die die Freiheiten des Nischenfernsehens auch nutzt - mit allen Höhen und Flachheiten.

          So ein Ehrgeiz kann eine anstrengende Sache sein. Jan Böhmermann hatte sich offenbar vorgenommen, alles zu tun, um sich nicht hinterher vorwerfen zu müssen, dass er irgendeine Chance ausgelassen hat, für seine neue Sendung im Nischenkanal ZDFneo zu werben. Er hat ungezählte Videos ins Netz gestellt, die mit unterschiedlichsten Finten um Aufmerksamkeit buhlen. Er hat so getan, als würde es ein Comeback von „Roche & Böhmermann“ geben, jener wegen interner Differenzen eingestellten Talkshow auf dem inzwischen halb abgewickelten Sender ZDF.kultur. Er ist wieder zu Markus Lanz gegangen. Er hat unermüdlich Interviews gegeben, in denen er kluge Beobachtungen mit völligem Unsinn mischt und häufiger offen lässt, um welches von beidem es sich gerade handelt.

          Jan Böhmermann hatte sich offenbar vorgenommen, seine neue Sendung im Spartenkanal ZDFneo in einer Weise zu beginnen, dass die Zuschauer staunen: Guck mal, da will es einer wirklich wissen. Die Leute, die es gesehen haben, sollten nicht nur darüber lachen, sondern auch darüber reden, und den Leuten, die es nicht gesehen haben, vielleicht einen Link schicken und sagen: Das musst du gesehen haben.

          „Willst du reden?“ -  „Nein, singen!“

          Und so beginnt das „Neo Magazin“ nicht nur mit einer ironischen Aufarbeitung der Trennung von Charlotte Roche, sondern auch mit einem fulminanten und ambitionierten Intro, wie es das deutsche Unterhaltungsfernsehen lange nicht gesehen hat. WDR-Nacht-Talker Jürgen Domian steigt zum schluchzenden Böhmermann in die Limousine, die Roche gerade verlassen hat. „Willst du reden?“, fragt er. „Nein“, antwortet Böhmermann, „ich möchte singen!“ Und setzt an zu einem aufwändigen fünfeinhalbminütigen Mini-Musical, das natürlich gleichzeitig die Parodie auf solche Mini-Musicals ist, voller Anspielungen und Aberwitz, aber mit genug tatsächlichem Können, dass der Witz nicht nur in der Ironie steckt.

          „Adieu, du alte Bumsbuchtante, war schön zusammen in der Glotze“, singt er als Penner Charlotte Roche hinterher, bevor er vergeblich versucht, sich mit den Abgasen eines Elektroautos umzubringen. „Getrennt und Grimme-nominiert, mein Sender wegrationalisiert.“ Im Bühnennebel, im lächerlichen Eisläuferkostüm, singt er von seinen Zweifeln, weil es doch eigentlich nur Paare im Showgeschäft wirklich schaffen. Erst Markus Lanz, der ihm als Show-Gott erscheint, ermuntert ihn: „Du schaffst das auch alleine!“ Und so trällert Böhmermann glücklich und in wechselnden Posen: „Ich werd nie wie Inka enden, denn ich darf allein bei Neo senden. Mir reichen im Schnitt 0,4 Prozent.“ (Chor-Echo: „Sieh‘s mal Neo.“)

          Hipster-Retro-Look mit orangenem Telefon

          Und dann reitet Böhmermann auf einem Dinosaurier durch den Vorspann in sein „Neo Magazin“. Die Titelmusik zitiert Löwenthals „ZDF Magazin“, und so liebevoll, wie das alles gemacht ist, merkt man, dass es den Leuten hier, bei aller ironischen Brechung, ernst ist mit dem Unernst. Böhmermann sitzt in einem Studio, das nicht nur im hipsterhaften Retro-Design mit orangenem Siebziger-Jahre-Telefon daherkommt, sondern tatsächlich, zu seinem Stolz, technisch-künstlerisch hochmodern und zeitgemäß ist.

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