https://www.faz.net/-gqz-71xzs

FAZ.NET-Frühkritik : Wächst aus der Krise noch ein großer Europäer?

  • -Aktualisiert am

Helmut Schmidt erteilt bei Maischberger eine historische Lektion in Sachen Europa Bild: dpa

Helmut Schmidt spricht bei Maischberger über die historischen Erfahrungen, die ihn zum Europäer gemacht haben, und den Wunsch nach einer neuen weitblickenden Führungsfigur.

          4 Min.

          Hatte jemand 1947 den Überblick? Der Krieg war verloren, das Land zerstört und in Besatzungszonen geteilt. Moralisch lag Deutschland nach den Verbrechen der Nazis am Boden. Not und Elend waren keine abstrakten Begriffe, sondern die meisten Deutschen froren und hungerten tatsächlich. In Zürich hatte am 19. September 1946 allerdings jemand Überblick bewiesen: „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa schaffen.“ Winston Churchill hatte in seiner berühmt gewordenen Züricher Rede eine Antwort auf  Probleme formuliert, die zugleich Ursache wie Folge der europäischen Selbstdemontage in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen waren. Die meisten Deutschen glaubten damals nicht an die Lösbarkeit ihrer Probleme. Bisweilen mit guten Gründen: So sollte die deutsche Teilung erst nach mehr als 40 Jahren überwunden werden.

          In diesem Jahr 1947 lernte Helmut Schmidt Jean Monnet kennen. Das berichtete er gestern Abend bei Sandra Maischberger. Es war nur ein Nebensatz, aber er war durchaus giftig gemeint. Schmidt nutzte die Erinnerung an Monnet, um die Differenz zwischen geborenen Europäern wie ihm selbst und den nach 1990 angelernten Europäer wie der Bundeskanzlerin aus der untergegangenen DDR zu skizzieren.

          Ein strammes Programm

          Im Hintergrundrauschen der Sendung ging dieser Satz unter. Schließlich hatte Frau Maischberger ein strammes Programm zu bewältigen. Es ging um die persönliche Lebensführung des ehemaligen Bundeskanzlers sowie einen Überblick über alle Themen, die seit der Sommerpause der Talk-Show eine Rolle gespielt haben: Beschneidung, Politiker in Elternzeit, die Frauenquote oder der Atomausstieg. Es fehlte eigentlich nur noch die Frage, wie sich Schmidt den Untergang der deutschen Schwimmer bei den Olympischen Spielen erklärt. Er hätte sicher auch dazu eine Meinung.

          Frau Maischberger verpasste die Chance, bei der Anekdote um Monnet nachzufragen. Denn Schmidt war keineswegs ein geborener Europäer, sondern, wie die meisten Deutschen seiner Generation, erst aus leidvoller Erfahrung dazu geworden. Churchills Rede nämlich war zugleich ein Angebot an die Deutschen zu einem Neuanfang gewesen: „Wir alle müssen den Schrecken der Vergangenheit den Rücken kehren. Wir müssen in die Zukunft blicken.“ Die Wirkung dieser Worte auf die demoralisierten Deutschen kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Churchill zitierte sogar Gladstones Worte vom „segensreichen Akt des Vergessens“, den es geben müsse. Schmidts Generation erlebte die Großzügigkeit und den Weitblick der westlichen Siegermächte. Das war ihre prägende Erfahrung, vor allem weil sie damit weder gerechnet hatten, noch glaubten, sie überhaupt verdient zu haben.

          „Hier geht es lang!“

          Selbstredend war davon bei Maischberger nicht die Rede. Dabei lässt sich daraus die Differenz zwischen der Situation von 1947 und heute destillieren. Schmidt vermisst in der europäischen Politik eine Figur, die den Überblick über die „zwei Dutzend Probleme“ hat, die Weitsicht mit Tatkraft verbindet und die Berechtigung zum Handeln hat. Die uns sagt: „Hier geht es lang!“ Schmidt benannte die Gründe für ihre Notwendigkeit: den demografisch und politisch bedingten Bedeutungsverlust der Europäer in der sich abzeichnenden neuen Weltordnung; die fehlende Führung durch die alte Vormacht Vereinigte Staaten und die Erfahrung, dass der „segensreiche Akt des Vergessens“ selbst in einem Europa mit verfallender weltpolitischer Bedeutung für ein wiedervereinigtes Deutschland nicht gelte.

          Weitere Themen

          Knallharte und Stehgeiger

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Knallharte und Stehgeiger

          Mit dieser Beschreibung charakterisierte der Journalist Hajo Schumacher bei Sandra Maischberger die beiden Vorsitzenden der Grünen. Diese haben ihren Parteitag hinter sich, die CDU noch vor sich – das bestimmte dann auch diese Sendung.

          Stars und Sternchen in Baden-Baden Video-Seite öffnen

          Bambi-Verleihung : Stars und Sternchen in Baden-Baden

          Bei der 71. Bambi-Verleihung in Baden-Baden konnten sich Luise Heyer und Bjarne Mädel in den Kategorien Schauspiel National durchsetzen. Für Hollywood-Glamour sorgte Naomi Watts, die als Schauspielerin International ausgezeichnet wurde. Insgesamt wurden Preise in 17 Kategorien vergeben.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.