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FAZ.NET-Frühkritik : Tottreten

Der Streetart-Künstler El Bocho zeigt in Berlin Mitte ein Piktogramm. Auf dem Bild wird eine Person niedergeschlagen, während jemand die Szene mit dem Handy filmt. Bild: dpa

Ob ihr Opfer tot ist oder noch am Leben, interessiert die Schläger nicht. Wenn der Gewaltrausch vorüber ist, hauen sie einfach ab. „Ich schlag Dich tot!“ – unter diesem Titel diskutierte Maybrit Illner gestern Abend mit ihren Gästen über Gewalt um der Gewalt willen.

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          Wieder trat – wie schon in der Nacht zuvor bei Anne Will – die Schwester des totgeschlagenen Jonny K. auf und erzählte, wie sie erfuhr, was geschehen war. Eine wohlerzogene junge Frau, die sich weder Zorn noch Tränen leistet, allenfalls Unverständnis, weil der mutmaßliche Haupttäter in der Türkei munter Interviews gibt, statt sich zu stellen. Wenn man das mehrmals gehört hat, wirkt es fast routiniert. Am Sonntag zuvor, bei der buddhistischen Trauerfeier, zu der viele Berliner gekommen waren, hatten ihre Freunde erklärt, gemeinsam mit der Familie alles zu tun, das übliche Bild nach derartigen brutalen Taten stören zu wollen: Es solle nicht wieder nur von den Tätern die Rede sein, so lange, dass die Opfer dahinter verschwänden. Ob es wirkt, ob „die Gesellschaft“, das ist ihre Hoffnung, daraus etwas lernt, sei dahingestellt.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Wer erinnert sich noch an die Bluttat von München vor drei Jahren, als am hellichten Tag ein Mann auf einem S-Bahnhof tot geprügelt wurde? An die Schläger, die in einer Neujahrsnacht in Berlin einen Mann fast totschlagen und dann liegenlassen; an den Gymnasiasten, der wie im Rausch am Berliner Bahnhof Friedrichstraße auf seinem Opfer herumtrampelt? Drei ähnliche Taten geschahen wieder in den vergangenen drei Wochen allein in Berlin, die minder schlimmen schaffen es nicht mal mehr auf die Seiten mit den Kurznachrichten. Trotzdem heißt es, die Zahl der Gewalttaten nehme ab, nur würden sie immer brutaler, nur fehle immer öfter jeder Anlass.

          Eine Frage der Wahrnehmung?

          Maybrit Illner hatte den Berliner Justizsenator Thomas Heilmann und den Chef der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt geladen, deren Ansichten, wie nachhaltig die Justiz die Taten junger Schreckensmänner ahndet, recht verschieden sind. Heilmann verteidigte die Richter, die zwei Tatverdächtige sogleich wieder auf freien Fuß setzten, Wendt hält das für bedenklich, zumal die Wirkung in der Öffentlichkeit und auf die Hinterbliebenen verheerend sei. Leider wurde die Frage nicht diskutiert, ob die Untersuchungshaft nicht auch verhindern kann, dass sich die Tätergruppe untereinander abspricht, wie es allzu oft der Fall ist in diesem Milieu.

          Die Journalistin Güner Balci schilderte, wie brutale Schläger ganze Wohnviertel in Angst und Schrecken versetzen und jede wohlmeinende, sogenannte „begleitende Sozialarbeit“ ins Leere läuft. Täter wie die vom Alexanderplatz seien eine Gefahr für die Gesellschaft, die müsse man einsperren. Manchmal sehen das auch Richter so. Doch wie nun bekannt geworden ist, kam der Hauptverdächtige, ein polizeibekannter Schläger, der schon im Kindergarten auffiel und schließlich Boxen ging, also weiß, wie man sich prügelt, immer wieder mit geringen Strafen und Empfehlungen, sich zu bessern, davon. Die Gefahr, die von ihm ausging, wollte wohl niemand erkennen. Ob man voraussetzen darf, dass sich Schläger wie jene vom Alexanderplatz darüber im Klaren sind, dass sie in jedem Fall irreversible gesundheitliche Schäden anrichten, ist immer noch juristisch umstritten, obwohl inzwischen auch Studien belegen, dass jeder normale Mensch weiß, wie verheerend und schlimmstenfalls tödlich gezielte Faustschläge und Tritte gegen den Kopf oder den Körper sind. Dass sich der Boxer in die Türkei abgesetzt hat, ist kein Einzelfall und wäre allein schon ein gutes Thema für eine Talkshow.

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