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FAZ.NET-Frühkritik: Sportschau-Club : Das fußballphilosophische Quartett

„Vielleicht ist das ja der Brustlöser für den nächsten Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft“: Gerhard Delling Bild: picture alliance / dpa

Beim „Sportschau-Club“ sitzt kein Publikum vor vollem Glas im Glaskasten. Nach dem historischen Einbruch beim 4:4 gegen Schweden bieten Waldemar Hartmanns Nachfolger mehr Empathie als Erkenntnis – und dürren Unterhaltungswert.

          3 Min.

          Ein gespenstisches Bild zur Geisterstunde. Im Hintergrund: vor dem mitternächtlichen Olympiastadion von Berlin die monumentalen Steingestalten von 1936 – die nach längerem Betrachten auch nicht unbeweglicher als die deutschen Abwehrspieler in der letzten halben Stunde gegen Schweden erscheinen.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Im Vordergrund: vier gepflegt im Kreis diskutierende Männer - die in dieser Kulisse irgendwie verloren, ja vergessen wirken. Vier Übriggebliebene an einem zuerst rauschhaften Fußballabend, vor dem man am Ende nur noch fliehen wollte – in die Kabine wie die Kicker, in leere Erklärungen wie der Bundestrainer, ins Bett wie die Zuschauer.

          Das also ist aus der deutschen Nationalmannschaft geworden – ein Team, das ein 4:0 verschenkt? Und das aus „Waldis Club“ – ein fußballphilosophisches Quartett?

          Nun muss man Waldemar Hartmann, der im Sommer wegen eines zu kurzen Vertragsverlängerungsangebots wie ein beleidigter Star-Kicker hinwarf, keine echten Tränen nachweinen – ihm und den wechselnden Komikern und Mimen an seiner Seite, die einem angeheiterten Studiopublikum nicht die Perlen der lauteren Erkenntnis servierten, dafür die Possen der lauten Erheiterung.

          Vom Stammtisch-Palaver zur Talkshow-Kopie

          Immerhin war das ein Konzept. Nun aber der „Sportschau-Club“. Hier sitzt kein Publikum vor vollem Glas im Glaskasten. Und so tritt hier ein, was nicht erwartet war: Dass man am Ende einer halben Plauder-Stunde, die so zäh vorüber ging wie zuvor die letzte halbe Spiel-Stunde, ein wenig pöbelndes Publikum herbeisehnen würde – und die damit einhergehende Bereitschaft der Vortragenden, für einen Lacher auch mal den festen Boden öffentlich-rechtlichen Niveaus zu verlassen.

          „Du musst die Zweikämpfe gewinnen, wenn du ein Fußballspiel gewinnen willst“: Giovane Elber
          „Du musst die Zweikämpfe gewinnen, wenn du ein Fußballspiel gewinnen willst“: Giovane Elber : Bild: dapd

          So etwas ist zwar oft zum Fremdschämen, hält aber wach. Die Neugier auf Fernsehen lebt ja auch von der Frage, ob es wenigstens ein- oder zweimal richtig peinlich wird. Also ob das passiert, was man am nächsten Morgen im Büro erzählt.

          Aber nicht hier. Herrje, nichts, aber auch gar nichts an sprachlicher Peinlichkeit dieser halben Stunde kommt nur annähernd an die spielerische Peinlichkeit der halben Stunde zuvor heran. Der „Sportschau-Club“ ist vom Stammtisch-Palaver seines Vorgängers zur x-ten Ausgabe der DIN-genormten deutschen Talkshow mutiert. Und hat dabei deren Kernkompetenz kopiert: Reden wir über die Krise. Oder reden wir, wenn wir keine haben, über irgendetwas, als wär’s eine.

          Khedira hat gefehlt, das wird unterschätzt

          In diesem Fall also: das deutsche Team. Was gab es da Brisantes zu sagen nach dem historischen Einbruch ab Minute 62? Mirko Slomka, Fredi Bobic, Giovane Elber und Gerhard Delling mühen sich redlich ab, so wie zuvor der überfragte Bundestrainer. Aber weil sie wie Joachim Löw zum System Fußball gehören, Slomka und Bobic zum Teilsystem Bundesliga, Elber und Delling zum Teilsystem ARD, ist von ihnen, anders von fröhlich fachfremden Waldi-Gästen, nichts Komödiantisches oder Ketzerisches zu erwarten. Nur angemessen Kritisches, natürlich auf die konstruktive Art.

          Die Robustheit hat gefehlt. Die Stabilität auch. Man hat nicht den Infight gesucht. Hätte mehr ins Körperliche gehen müssen. Hat eine Stunde lang wie ein Weltmeister gespielt. Und es dann vergessen. Die Balance aus Offensive und Defensive muss besser werden. Gute Stimmung braucht man nicht nur mit dem Ball, auch gegen den Ball. Und Khedira hat gefehlt. Das wird unterschätzt.

          Mirko Slomka, Trainer von Hannover 96
          Mirko Slomka, Trainer von Hannover 96 : Bild: dpa

          Und Elber, als „ARD-Brasilienexperte“ und „erster wichtiger Neuzugang“ im WM-Team des Senders vorgestellt, haben wir auch ihn unterschätzt? Schon als Bayern-Spieler war er einer, auf den Paul Breitners ethnologische Empfehlung zutraf: „Sie sollen nicht glauben, dass sie Brasilianer sind, nur weil sie aus Brasilien kommen.“

          Und dann saß er da im tristen schwarzen Pullover und vertrieb gleich in seiner Jungfernsendung jede Hoffnung auf einen neuen, kecken Samba-Schwung im ARD-Fußballprogramm. Und sagte solche Sätze: „Du musst die Zweikämpfe gewinnen, wenn du ein Fußballspiel gewinnen willst.“

          Blaulicht und Brustlöser fürs Team

          Kritik am Bundestrainer traute sich keiner so recht, dafür war allein der per Filmschnipsel eingespielte Chefkritiker Uli Hoeneß zuständig („Ich habe nur gesagt, was Jogi Löw eigentlich denken müsste“). Niemand fragte, warum Löw wie schon beim EM-Aus gegen Italien so gelähmt wirkte.

          Und warum er in einer Phase, als die Defensive kollabierte, seine beiden defensivschwächsten Spieler brachte, Götze und Podolski. Elber versuchte es lieber mit Empathie. Früher, als er noch unter Löw in Stuttgart spielte, sei der ganz locker gewesen. Jetzt aber! „Ich sehe heute, sein Gesicht ist angespannt.“ Dabei, so kann der neue ARD-Brasilienexperte versichern, „wären wir froh, wenn wir einen Jogi Löw in Brasilien hätten. Aber wenn einer keinen Titel holt, kriegt er leider auf die Fresse.“

          Fredi Bobic, einst Nationalspieler, nun Sportdirektor beim VfB Stuttgart
          Fredi Bobic, einst Nationalspieler, nun Sportdirektor beim VfB Stuttgart : Bild: dpa

          Und wenn einer keine Pointe holt, kriegt er leider auf die Quote. Vielleicht wird alles trotzdem gut, wie üblich bei Delling. „Vielleicht ist das ja der Brustlöser für den nächsten Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft“, resümiert der wie stets auf Versöhnliche erpichte Moderator. Und kommt am Ende dieses „denkwürdigen Abends“ zu dem zufriedenen Schluss: „Da haben wir ganz schön viel noch herausgefunden.“

          Das einzige, was sich in diesem Moment noch bewegt, ist ein Auto, das im Hintergrund vor dem menschenleeren Stadion und vor den riesigen Schatten der Stadion-Statuen unentwegt mit Blaulicht durchs Bild fährt. Ein Krankenwagen. Wer hätte das gedacht, dass es schon so schlimm steht mit dem deutschen Fußball. Und mit dem Reden danach.

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