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FAZ.NET-Frühkritik: Sandra Maischberger : Am Ende des Tages

Sandra Maischberger Bild: dpa

Bei Maischberger ging es – leider - nicht um den Bundespräsidenten und dessen Kredit. Wäre doch interessant gewesen. Es ging um den 2012 zu erwartenden „Kollaps“. Doch haben wir den nicht längst hinter uns?

          Am Ende eines Nachrichtentages lassen die Talkshows im Fernsehen regelmäßig die Luft raus. Was so richtig spannend zu werden verspräche, was zur Klimax drängte, wird entweder sanft eingebettet oder – kommt gar nicht vor.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Sandra Maischberger und den Menschen zum Beispiel, die sie an diesem Dienstag zu Gast hatte, konnte es leider nicht gehen um - den Bundespräsidenten und dessen Privatdarlehen bei der Ehefrau eines Schrottunternehmers, mit dem Christian Wulff geschäftliche Beziehungen nicht zu unterhalten vor Jahr und Tag noch behaupten konnte, ohne zu lügen.

          Der Börsenexperte weiß: „Wir werden Europameister“

          Das konnte es aus mindestens zwei Gründen nicht: Erstens hatte Sandra Maischberger ein lange geplantes, noch viel größeres Thema, das da lautete: „Panikjahr 2011. Kommt 2012 der Kollaps?“ Und zweitens war die Sendung längst gemacht, bevor die Zuschauer diese von 22.45 Uhr an zu sehen bekamen.

          Um 18.28 Uhr fand sich in unserem elektronischen Postfach schon die folgende „Nachklappmeldung“ der Maischberger-Redaktion, die wir nicht verschweigen wollen: „In der aktuellen Ausgabe der Sendung ,Menschen bei Maischberger‘ gaben die prominenten Gäste am Dienstagabend persönliche Prognosen für das Jahr 2012 ab.

          Hinsichtlich der Zukunft von Angela Merkel betonte der Kabarettist Mathias Richling auch nach mehrmaliger Nachfrage durch Sandra Maischberger: ,Sie wird auf jeden Fall Helmut Kohl toppen.‘ Börsenexperte Frank Lehmann äußerte sich zu der Frage: Wer wird 2012 Fußball Europameister? Mit Goethe antwortete der Journalist: ,Wo manches verloren wird, ist manches zu gewinnen.‘ Und er fügte hinzu: ,Ich glaube schon, dass wir der absolute Favorit sind.‘

          Über die Chancen Nicolas Sarkozys, bei den französischen Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr erneut zu gewinnen, sagte Peter Scholl-Latour: ,Er kann es schaffen – aus Verzweiflung.‘ Für die Wahlen in den Vereinigten Staaten wünscht sich Margot Käßmann, dass Barack Obama wiedergewählt wird.“

          Das nennt man Service. Mehr als vier Stunden vor Sendebeginn kommt die „Nachklappmeldung“. Rechnen wir dann noch einmal hinzu, um wie viele Minuten früher die Aufzeichnung begonnen haben muss, erklärt sich schon rein technisch, warum der Bundespräsident in Sandra Maischbergers Jahreskatastrophenrückundausblick nicht vorkam.

          Kein Thema - schade eigentlich: Familie Wulff

          Die Sache hatte sich schließlich erst seit dem Morgen entwickelt, seit dem Erscheinen der „Bild“-Zeitung, die für ihre Verhältnisse sehr sachlich darüber berichtete, wie Christian Wulff im Jahre 2008 zu einem Kredit über eine halbe Million Euro gekommen war. Für den Nachrichtensender n-tv war das immerhin ein Grund, für den frühen Nachmittag eine Sondersendung vorzusehen, die dann aber überschattet wurde von dem Attentat in Lüttich, das bis in den Abend hinein die Nachrichtengebung dominierte.

          Das „Aufreger-Thema“ des Tages?

          So wurde ein großes Thema, das ARD und ZDF erkennbar vorsichtig behandelten, noch um einiges kleiner. So klein, dass man bei der Moderation von Claus Kleber im ZDF-„heute journal“ schon den Eindruck hatte, es sei gar nichts.

          Ob es um „eine Treibjagd“ gehe oder um die Wahrung eines öffentlichen Interesses, fragte der Moderator sich und die Zuschauer und gab damit zum „Aufreger-Thema des Tages“ die Richtung vor: Eigentlich habe sich Wulff ja gar nichts zuschulden kommen lassen. Im Kommentar der ARD-„Tagesthemen“ stellte Ulrich Deppendorf hernach fest, dass der Bundespräsident seinerzeit als niedersächsischer Ministerpräsident vor dem Landtag auf eine Anfrage der Grünen hin „nicht gelogen“, aber auch „keine kluge Antwort“ gegeben habe.

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