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FAZ.NET-Frühkritik : Perversion des Denkens

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Wen interessiert schon, wie Finanzmärkte funktionieren? Sandra Maischberger war das jedenfalls „zu kompliziert“ Bild: ARD/Marco Grob

Frau Maischberger bat zum Tanz, der letzte Sirtaki war ihr Thema. Griechen bankrott, Deutsche zahlen trotzdem? Bis jetzt profitieren wir allerdings noch vom Elend. Doch das will niemand hören.

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          In den vergangenen Tagen konnte man drei interessante Einschätzungen zu Griechenland lesen. Da war im Handelsblatt von einem „Schwellenland“ die Rede. Im Focus von einem „Entwicklungsland“, und der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar sprach sogar im Cicero von einem „failed state“. Damit sind Staaten wie Somalia gemeint. Vor drei Jahren wäre noch niemand auf die Idee gekommen, mit solchen Etiketten zu hantieren, obwohl die Struktur der griechischen Volkswirtschaft schon damals bekannt gewesen war. Es hat nur keinen Ökonomen interessiert.

          Die waren nämlich schwer mit der Erklärung beschäftigt, warum wir in der besten aller Welten leben und sich Finanzmärkte nie irren können. Das haben sie aber schon längst vergessen. Deshalb ist die Idee des FDP-Europa-Abgeordneten Jorgo Chatzimarkakis gar nicht so schlecht, Griechenland umzubenennen. Er schlug an diesem Dienstag Abend bei Sandra Maischberger den Namen Hellas vor. Daran könnte man die Hoffnung knüpfen, dass wenigstens die Debatten über Griechenland in Zukunft besser werden. Man könnte neu beginnen.

          Warum Hans Eichel keinen Fehler gemacht hat

          Denn die Zuschauer konnten bei Frau Maischberger eine interessante Beobachtung machen. Menschen neigen nämlich dazu, die Wirklichkeit ihren Sichtweisen anzupassen – und nicht die Sichtweisen der veränderten Wirklichkeit. Ein Beispiel dafür war etwa der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel, es ging um einen Einspieler mit seiner Begründung für die Aufnahme Griechenlands in den Euroraum aus dem Jahr 2000. Anstatt diese Aufnahme als das zu bezeichnen, was sie war (ein Fehler), suchte er nach Gründen, warum er keinen Fehler gemacht habe, sondern die Griechen nach der Aufnahme. Chatzimarkakis meinte sogar, es habe einen Rechtsanspruch auf die Aufnahme gegeben, was eine besonders mutige Interpretation ist.

          Es mag gute Gründe für die damalige Entscheidung gegeben haben: nur ändern die halt nichts an dem desaströsen Ergebnis. In gleicher Weise wurden am Dienstag Abend noch andere Erkenntnisse vermittelt. So habe etwa erst der Bruch des Maastrichter Vertrages durch Deutschland die Verschuldung der Eurostaaten möglich gemacht. Es ging um die berühmten drei Prozent. Das meinte etwa die als Börsenexpertin firmierende Anja Kohl und der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach. Da hatte nun Eichel wieder recht: Weder Irland, noch Spanien hatten ein Staatsschuldenproblem, sondern ein Problem mit ihrer privaten Verschuldung in Folge von Immobilienblasen.

          Sagenhafte Hedgefonds

          Ein anderes Beispiel für diese Form der Bestätigung vorgefasster Überzeugungen lieferte der Bremer Ökonom Rudolf Hickel. Er wollte nachweisen, dass die Banken und Hedgefonds für das Drama in Griechenland verantwortlich seien. Nun war es etwas peinlich, den Unterschied zwischen Hedgefonds und Private Equity nicht zu kennen.

          Aber davon abgesehen: Es ist offenkundig schwierig zu verstehen, dass europäische Staatsanleihen bis vor drei Jahren die langweiligste Anlageform waren, die es gab. Absolut sicher und mit relativ geringen Renditen. Also Papiere für konservative Banken, Versicherungen und Pensionsfonds. Für Hedgefonds daher absolut uninteressant, weil ohne den berühmten „Risikoappetit“. Von dem leben die nämlich – und bis heute auch äußerst auskömmlich. Um dieses Mysterium der Hedgefonds zu lüften, hatte Frau Maischberger Karsten Schröder aus dieser sagenhaften Branche eingeladen. Leider konnte er das Geheimnis nicht lüften, weil ihm niemand zuhörte.

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