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FAZ.NET-Frühkritik : Mobbende Mönche

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Der allwissende Kommentator

Dieser Diskussionsverlauf war kein Zufall. Es liegt an der Unklarheit der Themensetzung und des für die Sendung zentralen Begriffs Burn-out, mit denen Jauchs Gäste operierten. Nun ist Krankheit letztlich immer eine Frage der Definition. Burn-out ist ein junges Phänomen, weil es den Begriff früher nicht gab. Man wusste nicht, woran man erkrankt war. Nur war man deswegen gesund? Es war nicht ungeschickt, als Jauch einen Eintrag aus seinem Gästebuch zitierte, der das Burn-out-Syndrom letztlich als eine Erfindung pensionsbereiter Lehrer definierte. Aber bevor in der Sendung völlig an der Sache vorbei argumentiert wurde, befragte Jauch seinen griechischen Chor. Der hatte etwa bei Sophokles die Funktion des „allwissenden Kommentators“. Bei Jauch war er zwar einstimmig, aber umso deutlicher zu hören.

In dieser Rolle trat Prof. Michael Kastner auf. Er leitet das „Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM)“ in Herdecke. Von ihm stammt der Begriff der „Dynaxität“ als Kennzeichen einer modernen Gesellschaft. Damit ist die Verbindung aus Dynamik und Flexibilität gemeint, die moderne Arbeits- und Lebenswelten bestimmen. Burn-out ist das Krankheitsbild einer Gesellschaft, die von ihren Individuen permanente Anpassungsbereitschaft verlangt, wo das aber zugleich mit Ungewissheit und Existenzängsten bezahlt wird. Es war ein wichtiger Hinweis Kastners, als er auf die Gruppe zu sprechen kann, die vom Burn-out tatsächlich betroffen ist. Es sind keineswegs die saturierten Damen und Herren auf Jauchs Podium, sondern die Leute Ende 20, die etwa wegen dieser Ungewissheit ihre Familienplanung nicht umsetzen können.

Es war auch wichtig, dass er den Unterschied zwischen Burn-out und Angstzuständen deutlich machte. Er nannte zudem die Gründe, die in einem Wirtschaftssystem zu finden sind, das zunehmend durch „Leistungsverdichtung“ geprägt ist. Unsere Marktgesellschaft überfordert aber zugleich das Individuum durch eine Vielzahl nicht mehr verarbeitbarer Informationen. Es werde ja schon „schwierig, einen Handy-Vertrag oder einen Joghurt zu checken“. Märkte produzieren in dieser Struktur also keineswegs Komplexitätsreduktion, sie bewirken das Gegenteil: Komplexitätsvermehrung. Kasntner hält diese Entwicklung für unvermeidlich. Über seine betriebswirtschaftlich geprägten Ansätze zu einer verbesserten Unternehmensführung müsste man reden, genauso über die Vorstellung, in Kindergärten schon die Vierjährigen in die Kunst des „Selbst-Managements“ einzuweisen.

Kubicki alleine auf der Bühne in Kiel

Es wäre interessant gewesen, über diese Fragen zu diskutieren. Jauch nutzte aber seinen Chor, um die Anmerkungen seiner Gäste durch Sachverstand zu kontrastieren. Oder wenn sich die Debatte in der völligen Belanglosigkeit zu verlieren drohte. Die Gäste sahen plötzlich so alt aus, wie sie tatsächlich sind. Wenn Kastner mit in der Runde gesessen hätte, wäre das nicht deutlich geworden. Insofern war das eine gute Idee von Jauchs neuen Dramaturgen – oder wem auch immer. Aber es stellt sogleich die Frage, was dieses Format namens „Talk-Show“ zu leisten vermag. Das Abstraktionsniveau des Chores oder die bisweilen schlichten Beobachtungen seiner Gäste zum Thema? Was ist noch massenkompatibel und sorgt für die richtige Quote?

Wolfgang Kubicki ist allerdings ein kluger Kopf, auch wenn er zum Thema wenig zu sagen wusste. Auf die Frage, wie er mit dem Stress umgeht, den ein FDP-Politiker sicherlich zurzeit im Wahlkampf haben muss, fand er eine interessante Antwort. Ein Wahlkampf sei „positiver Stress“, weil er dort Kontakt mit dem Bürger habe. Sonst sei man nämlich „nur mit Journalisten zusammen, die sowieso alles besser wissen als wir“. Ist das so? Wohl kaum. Sie haben nur eine andere Rolle. Ob sie sie immer so gut ausfüllen, wie der griechische Chor gestern Abend, ist eine andere Frage. Kubicki wird die Antwort sicherlich ahnen. Ob es ihm in seinem Wahlkampf helfen wird? In Kiel steht er nämlich alleine auf der Bühne.

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