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FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner : Ich will Ihnen jetzt aber gratulieren!

Maybrit Illner moderierte ihre 500. Sendung Bild: dpa

„Die oder wir?“ fragte die Moderatorin in ihrer 500. Sendung. „Der brutale Kampf um Rohstoffe“ war das Thema. In der Talkshow selbst ging es nicht brutal(stmöglich) zur Sache.

          3 Min.

          Klaus Töpfer ist ein Charmeur. Ganz alte Schule. Das zeigte er in der vorletzten Minute. Denn da hatte Maybrit Illner doch glatt schon fast ihre Jubiläumssendung hinter sich gebracht und noch immer hatte ihr niemand gratuliert. Großer Applaus? Ja! Anfangs gleich zweimal. Doch zum Finale fehlte noch was. Der ehemalige Umweltminister und Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen sprang ein, fiel dem Schriftsteller Frank Schätzing, der sich das umstandslos gefallen ließ, ins Wort und sagte: „Ich gratuliere Ihnen herzlich zur 500. Sendung.“ Dritter Großbeifall des Abends. Die Primadonna dankte. Schien gerührt. Da werde sie ja glatt rot im Gesicht, sagte Maybrit Illner. Wurde sie dann aber natürlich doch nicht.

          Der Krieg ums Wasser ist längst im Gange

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was stattdessen wurde, was zuvor geworden war: eine dem Jubiläum und dem Thema angemessene Sendung. Selten hat man eine Talkshow gesehen, in der die Gäste derart höflich miteinander umgingen. Sogar der Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel gab sich ganz gentlemanlike. Ließ Auma Obama den Vortritt, dann Töpfer, dann Schätzing. Hätte in dem Augenblick der Schauspieler Heino Ferch auch noch etwas sagen wollen, Niebel hätte ihn gelassen. Vorbildlich. Sollte Schule machen. Mehr davon. Höflichkeit ist keine Sekundärtugend.

          Maybrit Illner (rechts) mit ihren Gästen Auma Obama, Halbschwester des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, und dem deutschen Schauspieler Heino Ferch
          Maybrit Illner (rechts) mit ihren Gästen Auma Obama, Halbschwester des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, und dem deutschen Schauspieler Heino Ferch : Bild: dpa

          Es war eine friedsame Runde, die da saß und von Maybrit Illner doch gefragt wurde, wann „wir“ (also die Welt) beginnt, um Rohstoffe, Nahrungsmittel und Wasser – darum ging es vor allem – Krieg zu führen. Machen wir doch, ist längst im Gange, darin waren sich alle einig: Krieg zumindest im Sinne von Bürgerkrieg, von existenziellen Kampf um das Lebensnotwendige.

          „Beim Plündern dürfen wir nicht mitmachen“

          Was tun? Helfen mit Know-How und Investitionen, politische Unterstützung für gutes Regierungshandeln in Afrika und anderswo. Nicht aber Neokolonialisieren und Ausbeuten, wie das in ganz großem und selbstverständlichem Stil die Chinesen tun. Doch können sich die Deutschen das leisten? Gutmenschentum, während die anderen sich ganze Länder grapschen und den Menschen buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen? „Es gibt einen Unterschied zwischen Zusammenarbeit und Plündern“, sagte der Schriftsteller Frank Schätzing. „Beim Plündern dürfen wir nicht mitmachen.“ Wohl gesprochen, keine Widerrede.

          Ebenfalls dabei: der Schriftsteller Frank Schätzing
          Ebenfalls dabei: der Schriftsteller Frank Schätzing : Bild: Röth, Frank

          Probleme hatten an diesem Abend nur zwei in der Runde: Auma Obama, die sich schon bei Maybrit Illners Anrede darüber ärgerte, dass sie als Schwester des amerikanischen Präsidenten angesprochen wurde und deshalb gegen Ende sogar Anstalten machte, früher zu gehen. Was nicht so furchtbar gewesen wäre, denn eigentlich hatte bis dato sogar der Schauspieler Heino Frech mehr zu sagen gehabt. Und der war nur da, weil er in dem vor Illners Talkshow gelaufenem Film „Verschollen am Kap“ einen skrupellosen Wasser-Manager gespielt hatte. Die Realität toppe den Film seines Erachtens noch, sagte Ferch. Und in dem Film war schließlich um der Unternehmensziele willen ein ganzer See in Südafrika verunreinigt worden. Auma Obamas einziger echter Punkt in der Debatte war, dass man den Afrikanern helfen müsse, sich selbst zu helfen – durch Bildung.

          „Das Wasser darf nicht privatisiert werden“

          Nicht Heino Ferch und - bis auf ihr Etepetete-Gebaren Frau Obama - kam also ins Schwimmen, sondern der Hedge-Fonds-Manager Karsten Schröder. Ihm muss man zugute halten, dass er sich in den Sparring überhaupt traute. Für gewöhnlich befinden es die Damen und vor allem Herren der finanzkapitalistischen Elite es ja nicht für nötig, sich mit solchen Debatten in aller (Fernseh-)Öffentlichkeit abzugeben. Doch vermochte Schröder, auch er nonchalant im Ton, nicht wirklich zu erklären, worin denn Sinn und Nutzen von Wetten auf steigende Nahrungsmittelpreise und lustigen Leerverkäufen liegen, wenn nicht allein im – Profit der Anleger. Hungern können ja die anderen. Hunger? Welcher Hunger? Welcher Durst?

          Sogar der Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel gab sich bei Maybrit Illner ganz gentlemanlike
          Sogar der Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel gab sich bei Maybrit Illner ganz gentlemanlike : Bild: dapd

          Der Preis für Grundnahrungsmittel werde von der Ernte und der Nachfrage bestimmt, nicht von Spekulanten, sagte Schröder ein um das andere Mal. Von den Zahlen zur Preisentwicklung der Grundnahrungsmittel, die Maybrit Illner zwischendurch einspielte, ließ er sich nicht beirren. „Effiziente Preisfindung“ war sein Stichwort. So kann man Preistreiberei auch nennen. Klaus Töpfer wies darauf hin, dass diejenigen, die zum Beispiel in der Dritten Welt Nahrungsmittel produzieren, davon weniger als nichts haben. Wenn es an die Substanz geht, verböten sich Geschäfte: „Das Wasser darf nicht privatisiert werden.“ Auch so ein Satz, der an diesem Abend von jedem anderen hätte kommen können, den Hedge-Fonds-Manager einmal ausgenommen.

          Da kommen Jauch und die anderen so schnell nicht hin

          Wirklich schlauer sind wir selbstverständlich auch nach der 500. Sendung von Maybrit Illner nicht. Früher verabschiedete sie sich mit dem Wunsch, gemeinsam mit allen im Studio zur Mehrung der Einsichten beigetragen zu haben. Wenn einer Talkshow das gelingt, hat sie ihr Ziel erreicht. Die Regel ist es nicht, ein hoher Prozentsatz der Rederunden ist gnadenlos vergeudete Lebenszeit. Man muss dafür bezahlt werden, um sie sich anzutun. Maybrit Illners 500. Sendung machte jedenfalls deutlich, dass „der brutale Kampf um die Rohstoffe“ längst im Gange ist und noch sehr viel brutaler werden kann.

          Auch wenn das nach diesem Satz so abrupt und unpassend scheint, wie der Grandseigneur Töpfer in der Show sich zu gebärden vorgab: Dazu kann man gratulieren. Zur Fünfhundertsten. Da gelangen Jauch und die anderen so schnell nicht hin. Jetzt kommt es auf die 501. Ausgabe von Maybrit Illner an.

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