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FAZ.NET-Frühkritik: Markus Lanz : Der Scharlatan

  • -Aktualisiert am

Ob „Wetten, dass..?“, Salman Rushdie oder Hundetrainer: Markus Lanz moderiert alles weg Bild: dpa

Markus Lanz ist ein Symptom unserer gesellschaftlichen Verhältnisse: Er kann nicht zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden. Aber warum müssen wir ihm dabei zusehen?

          3 Min.

          Er ist der Schwarm aller Schwiegermütter, sogar manche Großmütter verehren ihn sehr. Er bringt Menschen zum Kochen und moderiert mit „Wetten, dass..?“ das Flaggschiff der europäischen Fernsehunterhaltung im ZDF. Außerdem plaudert er in seiner Talk-Show mit seinen Gästen und „hakt in Interviews nach“, wie es der dem Bundesaußenminister Guido Westerwelle bekannte Kabarettist Mathias Riesling so treffend formulierte.

          In Lanz' erster „Wetten, dass..?“-Sendung ist bekanntlich ein Pudel bei der Hundehaar-Wette verstorben. Nun wissen wir nicht, wie es der Tierhalterin geht, aber beim neuen „Wetten, dass..?“-Moderator könnte der Todesfall vielleicht ein posttraumatisches Belastungssyndrom ausgelöst haben. Wie anders ist seine Sendung vom Donnerstagabend zu erklären? Wer kommt ansonsten auf die Idee, den Bundesaußenminister einzuladen, dazu vier weitere Gäste als Staffage, um anschließend Salman Rushdie über sein neues Buch zu interviewen? Da bekommt Guido Westerwelle geschlagene 35 Minuten Zeit, sich als Staatsmann zu präsentieren, ohne mit einer einzigen kritischen Frage belästigt zu werden. Vielmehr kann er sogar davor warnen, dass „wir jetzt in Deutschland schon mit dem Wahlkampf beginnen.“ Zudem sei, so Westerwelle, „das Getümmel der Parteipolitik nicht mehr mein Metier.“

          Nur zur Erinnerung: Wir reden über einen Politiker, nicht über Karl Lagerfeld. Ob Lanz den Unterschied kennt? Wohl kaum. Ansonsten wäre ihm der Todeskuss für jeden Journalisten aufgefallen, den ihm Westerwelle zärtlich verabreichte. Dem Bundesaußenminister wurde das seltene Privileg zuteil, Lanz andauernd zustimmen zu dürfen, etwa beim „ Aussprechen unbequemer Wahrheiten“: „Das müssen wir.“ Der ZDF-Moderator degradierte sich zum Stichwortgeber.

          Gelöste Heiterkeit: Lanz bei seiner „Wetten, dass..?“-Premiere

          Das galt auch für den Fall des notorisch taumelnden FDP-Parteivorsitzenden Philipp Rösler: Westerwelle verzichtete auf einen Kommentar. Seinem Parteivorsitzenden nicht in den Rücken zu fallen, sei „in seinem Leben eine Prinzipienfrage“. Man kam aus dem Stauen nicht mehr heraus. Dabei hätte Westerwelle durchaus etwas zu sagen. Etwa über die Kriegsgefahr im Nahen und Mittleren Osten. Oder die Eurokrise. Für Lanz war das aber kein Thema. Westerwelle ist es in seinem Politikerleben noch nie so einfach gemacht worden. Daran vermochte auch der Kabarettist Mathias Richling nichts zu ändern, der bei Lanz Werbung für sein neues Programm machte. Auch er machte sich damit zum Narren, aber ohne jenen kritischen Sinn, der ihm ansonsten zugebilligt wird.

          In der Farce ein Rest an Würde

          Jörg Thadeusz hatte zwar mit seiner Ehefrau Anna Engelke, der ARD-Korrespondentin in Washington, ebenfalls ein Buch an die Zuschauer zu bringen. Immerhin hatte er sich in dieser Farce aber jenen Rest an Würde bewahrt, die später bei Salman Rushdie noch ein Thema sein sollte. Thadeusz  rettete sich in die Ironie über das „fabelhafte Interview mit Herrn Westerwelle“. Er selbst habe es mit Edmund Stoiber erlebt, wie man sich „durch Sympathie einlullen lasse“.

          Leider konnte der aus den bekannten Gründen („Werbung“) eingeladene Hundetrainer Martin Rütter nichts zum Thema „Jagdhund“ sagen. Dabei hatte die Ankündigung dieses Gastes auf der Homepage von Markus Lanz recht vielversprechend geklungen: „Bei ,Markus Lanz' spricht der 42-Jährige über die unterschiedlichen Hundeerziehungsmethoden von Männern und Frauen und erklärt, ob sich Charaktereigenschaften von Hunden auf den Menschen übertragen lassen.“ Wobei dieser Ansatz seine Grenzen hat, wie zu befürchten ist. Hunde machen keine Interviews.

          Keine Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig

          Am Ende kam noch der besagte Salman Rushdie zu Wort. Nach dem Bundesaußenminister, einem Kabarettisten, einem Ehepaar und dem Hundetrainer. Wer nicht den Eindruck haben will, dass seine Autobiografie eine Sammlung von Anekdoten ist, muss wohl das Buch selber lesen.

          Und Markus Lanz? Offenkundig leidet er wegen des gestorbenen Pudels nicht unter einem posttraumatischen Belastungssyndrom - das droht noch nicht einmal seinen Zuschauern, die die Sendung vom Donnerstagabend gesehen haben. Sie leiden nur still darunter, dass Lanz alles gleich behandelt - ob er nun Wetten ankündigt, kocht, mit Westerwelle über den Krieg oder mit Hundetrainern über schlecht erzogene Dobermänner redet. Lanz ist ein Symptom für unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, nicht mehr zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden zu können. Wo ein Lanz alles macht, wird alles zur Unterhaltung.

          Wahrscheinlich brauchen wir wirklich erst diesen Scharlatan, um zu bemerken, wie es um uns steht. Insofern brachte diese Sendung durchaus Erkenntnisse, so deprimierend sie auch sind. Wetten dass?

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