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FAZ.NET-Frühkritik : Jeder macht doch mal den Guttenberg!

Bild: Thilo Rothacker

Auch bei „Hart aber fair“ ging es um den Minister, der nun keinen Doktortitel mehr hat. Warum spaltet das die Nation, wollte Frank Plasberg wissen. Geht das Abendland unter, oder nicht? Darauf gibt es eine Antwort.

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          Diese Fernsehwoche gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was uns vom kommenden Herbst an im ersten Programm erwartet: Talkshow auf Talkshow, mit wechselnder Besetzung, aber zu ein und demselben Thema. Worum ging es bei Anne Will am Sonntag? Um zu Guttenberg und seine - inzwischen kassierte - Doktorarbeit. (Siehe auch: Uni Bayreuth erkennt Guttenberg den Doktortitel ab)

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Womit beschäftigte sich am Dienstag Sandra Maischberger? Genau, mit dem Minister und seinem akademischen Grad. Was erkor sich tags darauf Frank Plasberg zum Thema? Richtig, die Guttenberg-Debatte. Und keinmal dürfen Sie raten, was heute Abend bei Maybrit Illner drankommt? Die Bayreuther Festspiele selbstverständlich, ein gewisser Karl-Theodor zu Guttenberg spielt die Hauptrolle.

          Die Welt schaut nach Nordafrika, wir nicht

          Es gibt im Augenblick nun einmal kein - wirklich kein - anderes Thema, das an dieses heranreicht, zumindest in Deutschland (der Rest der Welt schaut auf Nordafrika), in den Augen der Politik, Journalisten, der Presse, des Fernsehens, des Internets. Wobei es den überwiegenden Teil der Bevölkerung vielleicht nicht ganz so brennend interessiert und diese vor allem eine ganz andere Meinung hat als jene, die in den Medien - abzüglich der „Bild“-Zeitung - einhellig vertreten wird.

          Guttenberg-Debatte - im Bundestag und auch in den Talkshows

          Guttenberg muss gehen, liest man in der Zeitung und hört es in Fernsehen und Radio, Guttenberg soll bleiben, hört man auf der Straße. Dieses Phänomen war denn auch das eigentliche Thema in „hart aber fair“. Frank Plasberg und seine Redaktion waren klug genug, nicht zur nächsten erregten Runde vorzuladen - die es bei ihm nicht selten gibt und bei Maischberger wird inzwischen ja, trotz (oder wegen) des zumeist vorgerückten Alters der Diskutanten gerne und ausdauernd und nur noch durcheinander gebrüllt. Sie versuchten eine erste, vorläufige Bilanz, ein Blick aufs Schlachtfest nach der Bataille sozusagen.

          Auf dem steht nun zu Guttenberg, peinlichst befragt und berührt, wie man am Nachmittag im Bundestag sehen konnte. Auf dem steht die Union - fest zu ihrem Minister, weil sie ihn braucht. Steht die Opposition, die den Mann partout weghaben will. Stehen die Journalisten, die bei solchen Gelegenheiten gerne grundsätzlich werden und auf die Einhaltung von Maßstäben pochen, auf denen das Gemeinwesen beruht. Und stehen die Bürger, die bei Plasberg mit Pro und Kontra Guttenberg zu Wort kamen. Was nun? Was folgt daraus?

          Das System gerät ins Wanken

          Für Thomas Oppermann, den parlamentarischen Geschäftsführer der SPD, folgt - da der Minister bleiben will - eine ungute Veränderung unseres politischen Systems - Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit zählen nicht mehr. Der Journalist Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“, die eine beeindruckend besessene Anti-Guttenberg-Kampagne fährt, denkt in dieselbe Richtung, hält es wie Oppermann für falsch, in puncto Glaubwürdigkeit zwischen Amt (Minister), Person und Wissenschaft (Dr.) zu trennen.

          Und für ebenso abwegig, dass es plötzlich ein positives Vorurteil für einen Politiker gibt, dessen Kaste für gewöhnlich mit negativen Vorurteilen belastet ist. Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der EKD, hat an Guttenberg erste Zweifel, doch sieht er auch die Reue des Sünders und sagt pastoral: „Prüfe Dich.“ Der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt will natürlich gar nix prüfen, sondern freut sich, dass das Volk zu Guttenberg hält und dessen scheinbar ehrliche Zerknirschtheit goutiert. Und der „Bild“-Hauptstadtbüroleiter Nikolaus Blome sieht sein Blatt im Konkurrenzkampf zur SZ in Sachen kritische Geschichten zu Guttenberg immer noch mit zwei zu eins in Führung: Wir hatten das Kundus-Bombardement und die Gorch Fock, ihr habt den Doktor. Die Gleichung hatte sich Blome bestimmt schon vor der Sendung ausgeknobelt. Sie brachte ihm in der Debatte auch einen Punkt. Aktuell steht die „Bild“ natürlich fest an der Seite des Verteidigungsministers.

          Das eindeutige Urteil

          Recht zivilisiert und meinungsplural ging es zu in der Runde, eines aber kam, auch bei den vernünftigen Anregungen Plasbergs, vielleicht ein wenig zu kurz. Dass die meisten Menschen auch einmal Fünfe gerade sein lassen und selber gerne „den Guttenberg machen“, kam wohl zur Sprache: Befragte Passanten sollten gestehen, bei welcher Gelegenheit sie denn selbst schon einmal geschummelt oder betrogen haben. Selbiges wollte Plasberg auch von seinen Diskutanten hören, da passierte aber nicht viel.

          Doch könnte in Guttenbergs Fall - der in der Sache ob des Ausmaßes der schludrigen Betrügerei ganz eindeutig scheint, bis auf die ungeklärte Frage, ob er die Arbeit denn selbst verfasst hat - auch noch etwas anderes eine Rolle spielen: Das gesunde Misstrauen der Bürger, Wähler, Leser, Zuschauer und Zuhörer nämlich gegen das eindeutige Urteil, das seit Tagen gefällt wird. Das nämlich klingt nicht nur bei Politikern schief, von denen jeder weiß, dass sie bei der nächstbesten Gelegenheit mit leicht verkehrten Fronten durchaus das Gegenteil des gerade Gesagten vertreten könnten, sondern auch bei - Journalisten.

          In Karl Theodor zu Guttenberg, der Lichtgestalt mit Schattenseiten erkennen viele sich vielleicht auch selber wieder. Wobei wir erst in ein paar Tagen oder Wochen, je nachdem, wie sich die Sache noch entwickelt, wissen werden, was dies wirklich für Karl-Theodor zu Guttenberg und sein Ansehen bedeutet. Vielleicht siegt am Ende der Selbstekel.

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