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FAZ.NET-Frühkritik: „Jauch“ und „Precht“ : Kümmert euch um die Digitalo-Kids!

Debütant, nicht im Denken, aber als Fernsehphilosoph: Richard David Precht Bild: dpa

Wenn Hirnforscher uns vor Dummheit schützen wollen: Haltet die Nervenbahnen sauber. Oder was meinen die Öffentlich-Rechtlichen, wenn sie uns vor den mentalen Katastrophen warnen?

          Einer dieser klugen Sprüche, die im Internet kursieren und den man ganz schnell gegoogelt hat, geht so: Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem. Das ist, wenn man so will, die Grundidee von Wissenschaft. Und es ist, auch wieder ganz nüchtern betrachtet, eigentlich eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was die Hirnforschung kraft ihrer immer noch sehr dürftigen Empirie an Kompetenz zusteht, wenn es um unsere Alltagsprobleme geht. Es muss wohl daran liegen, dass man seit ein paar Jahren überall auf der Welt und mit den unterschiedlichsten bildgebenden Verfahren, aber mit großteils dürftig-spekulativen bis widersprüchlichen Ergebnissen  ins Gehirn bereitwilliger Probanden schaut, dass wir nun ausgerechnet Hirnforschern die Beantwortung der ganz großen Fragen übertragen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Am Sonntagabend waren es die Hirnforscher Manfred Spitzer bei „Jauch“ im Ersten und Gerald Hüther bei „Precht“, der Nachfolgesendung des „Philosophischen Quartetts“ im Zweiten. Welch eine schöne Koinzidenz. Ein wissenschaftlich ambitionierter Epidemiologe könnte nach diesem Abend die lukrative These aufstellen: Die Ausbreitung einer generalisierten Verdummungsangst korreliert offenbar positiv mit dem Auftreten einer medial initiierten Populärneurologie. Einfacher gesprochen:
          Unsere Kinder verdummen, und nur die Hirnforschung hält dagegen. Die Frage ist nur: Mit was eigentlich hält sie dagegen, was berechtigt sie dazu?

          Spitzer, der Ulmer Psychiater und Bestsellerautor mit entwicklungspsychologischen Erfahrungen, hat seine Buchthese von der „digitalen Demenz“, die durch die exzessive Computernutzung der Kinder ausgelöst werden soll, quasi mit einer Analogiebildung zu zementieren versucht: Wir würden unseren Nachwuchs im Kindergarten ja auch nicht mit Alkohol abfüllen - es fiel der unpassende halbwissenschaftliche Begriff der „Alkohol-Pädagogik“. Mit anderen Worten: Vor hochprozentigem Googeln wird gewarnt. Auch die Tabakfalle sollte zuschnappen – oder wollt ihr, ahnungslose Eltern, etwa das Rauchen erlauben mit dem heutigen Wissen um den Schaden, den der exzessive Zigarettenkonsum anrichtet?

          Eine Viertelmillion Internetsüchtige unter den 14- bis 24-Jährigen müsse genug sein, meint Spitzer, und deshalb sei zu handeln. Warum also nicht Internet erst mit 16 Jahren, fragte zum Beispiel Fernsehmoderatorin Petra Gerster in die Runde, die Mutter zweier Kinder im Internetschonalter. Überhaupt Kinder: Nimmt man alle fünf Diskussionsteilnehmer in Jauchs Runde, war man bei zwanzig. So viel heimpädagogische Erfahrung hat man selten zusammen, und man kann sagen: auch selten so unterschiedliche Computerspiel- und Interneterfahrung. Beim einen, Klaus Peter Jantke, Medienforscher eines Fraunhofer-Instituts und vierfacher Vater, wird zu Hause aus voller Überzeugung gedaddelt (Computerspiele gespielt) und gegoogelt, was das Zeug hält. Medienkompetenz lautet hier das Erziehungsziel. Beim anderen, Spitzer, Vater von sechs Kindern, gibt es zu Hause praktisch keine Bildschirme und erst Recht keine Playstation in der Wohnung. Begründung: Die Playstation behindert den Lernfortschritt. Hier, zum ersten Mal, zitierte der Hirnforscher  Erkenntnisse einer Lesestudie, die in ihrer Überzeugungskraft etwa so lau war wie die Aussage: Playstation raubt den Kindern Freizeit. Tut sie, aber müssen die Kinder deshalb auf lange Sicht wirklich dümmer werden? Das hat in der Tat noch keine Studie gezeigt.

          „Kümmert Euch, dann verdummen sie schon nicht“

          Was, wenn die Motivation zum Lernen, sich mit einem Stoff zu beschäftigen, bei den Kindern erst durch das digitale Handwerkszeug geweckt wird, das wir nun reihenweise verteufeln? Waren Buchstaben auf Tesakrepp und Kreidetafel etwa so viel anders oder besser, fragte völlig zu Recht der Berliner Schulleiter Jens Haase, der das Lernen mit Computermedien in seiner Schule zum Standard gemacht hat - nicht etwa, weil er tiefere Einblicke in die Gehirne der Kinder hat als der Hirnforscher, sondern weil er das Verhalten der Schüler beobachtet und sie, nicht rückwärtsgewandt, „auf die Zukunft vorbereiten“ will.

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