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FAZ.NET-Frühkritik: Jahresrückblick bei RTL : An den Grenzen des Sendekonzepts

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Allein, der Anzug will nicht sitzen: Günther Jauch in einem Zweiteiler aus Gottschalks Kleiderschrank Bild: dapd

Ob nicht er „Wetten, dass ..?“ übernehmen wolle, hatte ihn Thomas Gottschalk tags zuvor gefragt. Im RTL-Jahresrückblick hat Günther Jauch schließlich abgewunken. Und zeigte Fernsehen zum Abgewöhnen.

          Es gibt Sendungen im Fernsehen, die wie der Blick in eine Parallelwelt erscheinen – mit einem Publikum, das auf Kommando klatscht wie betäubt, mit einer Regie, die auf schnelle Gefühle setzt und einem Moderator, der dies alles mitmacht und die Zuschauer mit billigen dramaturgischen Tricks von Werbeblock zu Werbeblock hievt. Weil das noch immer funktioniert hat.

          Der RTL-Jahresrückblick „Menschen, Bilder, Emotionen“ am Sonntag Abend war so eine Sendung. Pius Heinz, der junge Poker-Millionär aus Swisttal, dachte hinter einem Berg Fernsehfalschgeld über eine Putzfrau für seine Mutter nach. Maite Kelly tanzte als „Dancing Star 2011“ mit Deutschlands ältestem Tanzlehrer.

          Wladimir Klitschko spielte (ohne Bruder) mit einer 14-jährigen Tischtennis. „DSDS“-Gewinner Pietro Lombardi sang mit seiner Verlobten. Barbara Schöneberger erinnerte an „Wer wird Millionär“, Gaby Köster an ihren „Stern TV“-Auftritt. Und dies alles aufgehängt an der unentwegten Ankündigung des Gastgebers Günther Jauch, später am Abend noch die versprochene Antwort in Sachen „Wetten, dass ..?“-Nachfolge liefern zu wollen – schließlich hatte er sich am Vorabend Bedenkzeit ausgebeten, als ihm Thomas Gottschalk, halb im Scherz zwar, vor laufenden Kameras die Nachfolgefrage stellte.

          Das da war Fernsehen zum Abgewöhnen, ob die Zielgruppe das bereits registrierte oder noch nicht.

          Eine Mütze zum Dank

          Das gilt auch für Jauchs Gespräche mit Gästen, die etwas zu sagen gehabt hätten. Die beiden deutschen Techniker etwa, die während des Erdbeben in Block IV des Atomkraftwerkes von Fukushima Wartungsarbeiten durchführten? Konnten ihre Geschichte nur schlagworthaft anreißen. Kaum hatten die beiden den „übereilten“ Atom-Ausstieg in Deutschland auf eine mediale „Hetzkampagne“ zurückgeführt, trieb die Sendungsregie einfach weiter.

          Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann? Sagte über seine bisherigen Regierungserfahrungen (eine Woche nach der Volksabstimmung von Stuttgart 21) nur seltsame Belanglosigkeiten wie „Schön, dass man jetzt immer einen Zettel in die Hand gedrückt bekommt“ oder „Es ist härter, als ich dachte“; einem wirklichen Nachhaken stand ein Viertklässler im Wege, der dem Papst einen so herzzerreißend naiven Brief schrieb, dass der Vatikan zum Deutschlandbesuch einen tollen Platz und eine Pulle Wein spendierte. Und die beiden norwegischen Jugendlichen, die von einem mutigen Deutschen am 22. Juli per Boot von der Insel Utøya gerettet wurden? Bekamen als Dankeschön dafür, dass sie ihre albtraumhaften Fluchtgeschichten im Vorweihnachtsprogramm des deutschen Fernsehens erzählten, eine Mütze und einen MP3-Spieler geschenkt, eingepackt in eine praktische Geschenkbox mit roter Schleife. Mann, Mann, Mann.

          Angezogen und für zu groß befunden

          Nur der Vollständigkeit halber daher: Günther Jauch sagte gestern Abend, als er sich gegen Ende des RTL-Jahresrückblicks einen alten blauen Anzug Gottschalks angezogen und für zu groß befunden hatte, er wolle „Wetten, dass ..?“ ebenfalls nicht moderieren: „Ich glaube, dass ich das nicht gut kann.“ Woraufhin sein Freund Gottschalk ein wenig über die Vorzüge Barbara Schönebergers und das Glück nachdachte, bald endlich wieder mit einem kleinen und freien Format in der ARD zu sehen zu sein.

          „Wetten, dass ..?“, sagte Gottschalk, sei vor dem Wettunfall des Wettkandidaten Samuel Kochs bereits an die Grenzen des Sendekonzepts gestoßen. Nun müsse ein Nachfolger her, der den Mut zu einer wirklichen Erneuerung mitbringe.

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