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FAZ.NET-Frühkritik : Ist das nicht zum Schießen?

Altbundespräsident Roman Herzog Bild: dapd

Roman Herzog und Peer Steinbrück gaben sich bei „Beckmann“ ein Stelldichein. Einer der beiden Gäste gibt sich den Anstrich des Ironischen. Raten Sie mal, wer.

          2 Min.

          Es war immer schon schwer zu verstehen gewesen, dass Roman Herzog einen Ruf als Ironiker genießt. Bei „Beckmann“ spielte er ein paar Mal auf diesen Ruf an, nicht geradezu selbstgefällig, aber dankbar doch, dass die Menschen seine „Verkehrtrumsprache“, wie er die Ironie nannte, verstünden und schätzten. Nur Journalisten hätten die ungehörige Angewohnheit, seine Worte „eins zu eins“ zu nehmen, wie neulich, als er in der „Welt“, angesprochen auf die „wilde Ehe“ Gaucks, einer Wendung Goethes folgend geantwortet habe: „Sehe jeder, wie er`s treibe“.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Sätzchen habe dann so auch in der Zeitung gestanden, in der Überschrift sogar, und er, Herzog, werde anlässlich der Vereidigung des neuen Bundespräsidenten sich natürlich bei diesem dafür entschuldigen. Es blieb offen, für wen genau sich Herzog entschuldigen wolle: für die Journalisten, die druckten, was Herzog sagte, oder für Goethe, der Herzog zum Gesagten verführte. Dass der Ironiker selbst Amnestie verdient, schien selbstverständlich vorausgesetzt.

          Herzog ist ein Meister der unklaren Rede

          Es ist diese Ungenauigkeit nicht im schriftlichen, aber im mündlichen Ausdruck, die zu den Markenzeichen des früheren Bundespräsidenten gehört. Ungenauigkeiten, die sich eigentlich nur deshalb den Anstrich des Ironischen geben können, weil Herzog sie mit stoßweise und aus dem Urgrund des Gutturalen hervorgebrachten Lachern begleitet und insgesamt eine Redehaltung einnimmt, als spiele die ganze Welt immerzu verrückt, und er müsse sie abmeiern, diese Verrücktheiten, in Ausübung seines Amtes als Statthalter des gesunden Menschenverstands. Man hört, wenn Herzog spricht, also immer den Satz mit „Ist das nicht mal wieder zum Schießen, Leute?“, und das auch dann, wenn es gar nichts zum Schießen gibt, wie es ja zumeist der Fall zu sein pflegt. Der glucksende Dauerappell, der von Herzogs Ironieanspruch ausgeht, lautet denn auch, den Feingeist im Poltergeist, den Scharfsinn in all der weißwurstigen Grobmotorik doch bitte nicht zu übersehen.

          Das „Welt“-Interview war auch im übrigen die Vorlage bei „Beckmann“, in der Sendung wiederholte Herzog noch mal, dass es in der Götzenburg bei Heilbronn, in der er mit seiner zweiten Frau jetzt lebe, keine rechten Winkel und geraden Wände gebe und dass er sich mehr öffentliche Beachtung zumal für das Thema „Zeit“ wünsche, die „wichtigste“ Ressource, mit der sich „niemand“ befasse, wie er eingängig ungenau das „Komische“ formulierte: „Niemand befasst sich komischerweise mit der Zeit des Menschen, obwohl sie die wichtigste Ressource ist. Sie können Kredite aufnehmen, wenn zu wenig Kapital da ist. In die Höhe und die Tiefe bauen, wenn der Boden zu knapp wird. Digitalisieren, wenn die Mechanisierung nicht reicht zur Vermehrung der Arbeitskraft. Aber auf die Zeit gibt`s keinen Pump.“

          Das sind Probebohrungen mit der Denkfigur der Analogie, wie sie sich Herzog gerne leistet, und wie sie nun wirklich zum Schießen sind. Und ist unser rechthaberischer „deutscher Volkscharakter“ nicht von zwei Berufsgruppen geprägt: den Deutschlehrern, die alles korrigieren wollen, und den Staatsanwälten? Jawoll, jawoll, genau so oder doch so ungefähr isses.

          Ein vergiftetes Geschenk

          Warum nun aber eine „Beckmann“-Sendung mit Herzog? Weil er jetzt zur Vereidigung des neuen Bundespräsidenten ohnehin in Berlin und sein Terminkalender normalerweise auf Monate ausgebucht ist. Da hat es sich einfach gut gefügt. Und Peer Steinbrück war schnell an seine Seite gesetzt, so dass sich ein Zweierrat der Weisen präsentieren ließ. Steinbrück in allem wie gewohnt messerscharf und auf den Punkt, von Europa bis Managergehältern.

          Theo Waigel wird es nicht gelingen, ihn von einem möglichen Kanzlerkandidat in einen „Rat der Weisen“ zu befördern, wie Waigel es listig in einer Einspielung versuchte. Ein vergiftetes Geschenk wie dieses könne man nur zurückgeben, meinte auch Herzog. Wobei, das müsse er jetzt noch hinzufügen, die Ironie bei Waigel doch spürbar gewesen sei.

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