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FAZ.NET-Frühkritik : „Ich bin Steinbrück“

Im medialen Fokus: Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Bild: dpa

Der SPD-Kanzlerkandidat muss aufpassen, dass man ihn nicht für einen Ehrgeizling ohne Sinn für Maß und Proportion hält. Ein Fernsehabend mit dem frisch Gekürten.

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          Die Bangigkeit, die einen im Angesicht von Peer Steinbrück überkommt, hat mit der Frage zu tun: Wie wird dieser Mann sich erst aufführen, wenn er wirklich einmal Kanzler wäre? Er ist jetzt schon einer, der strukturell aus dem Häuschen ist, wofür er bei „Was nun, Herr Steinbrück?“ die Umschreibung wählte: „Ich überziehe gelegentlich.“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber ein gelegentliches Überziehen ist es nicht, was bange macht. Es ist eher der Verdacht, hier könne jemand auf Biegen und Brechen sein Ding durchziehen, ohne jeden Begriff davon, was das hieße: zu weit zu gehen. Ist der rüde Ton, den er drauf hat, sobald er den Mund auftut, nur seine Art, uns zeigen zu wollen: Ich bin einer, der angreifen kann und siegen will? Oder ist die herablassende Manier, die er für Selbstbewusstsein hält, ein Zeichen für odium humani generis, wie die Alten die Menschenverachtung nannten?

          Grandiose Absage an Takt und Demut

          Schon dass man bei der Antwort auf diese Frage schwankt, macht bange. Es ist ja ein Irrtum zu meinen, in der Krise wolle man einen Regierungschef, der sich zuvörderst mit Zahlen auskennt. Nein, in der Krise will man einen Entscheidungsgewaltigen, der sich mit Zahlen auskennt, aber der dabei doch das Gefühl vermittelt, sich mit dem Menschen auszukennen.

          Der ihn nicht schnoddrig zum Faktor erklärt, zur verfügbaren Masse, sobald er die Verfügungsgewalt hat. Steinbrück – das zeigen seine gestrigen Interviews bei „Was nun?“ und „Farbe bekennen“ – muss ungemein aufpassen, dass man ihn nicht für einen Ehrgeizling ohne Sinn für Maß und Proportion hält.

          Seine Schlagfertigkeit hat nichts Leichtes 

          Sein Kokettieren damit, sich selbst das Maß zu sein („Ich bin Steinbrück“), kann schnell falsch verstanden werden: eben nicht als das gewollte Signal einer relativen Unabhängigkeit von seiner Partei, sondern als grandiose Absage an jede Form von Einfühlung, Demut und Takt. Dass Steinbrück nichts unternimmt, um diesem Eindruck vorzubeugen, ihn im Gegenteil anheizt, ist beunruhigend. Kann er nicht oder will er nicht – die Fähigkeit zeigen, sich auch zurücknehmen, sich korrigieren, auf eine Pointe verzichten zu können?

          Seine Schlagfertigkeit hat nichts Leichtes, Verschwenderisches. Sie gehorcht dem starren Willen, sich ja nichts zu vergeben. Das macht aus dem Wortgewaltigen eine enge Referentenseele. Einen, dem es an Einsicht in seine Grenzen fehlt.

          Und so leistet man als Zuschauer kaum Gegenwehr, wenn dann bei „Hart, aber fair“ das Gerede losgeht. Frank Plasberg phantasiert von einer Nahkampfausbildung, die man absolviert haben möchte, bevor man Steinbrück anspreche; Hans Ulrich Jörges beobachtet eine kurz angebundene Schnapprhetorik beim Kanzlerkandidaten; und Rainer Brüderle kleidet sein Unbehagen in die Formel, Steinbrück selbst habe den Drachen gefüttert, den er jetzt als Siegfried bekämpfen wolle.

          Ein „Charakterkopf“

          Die Krisenbeschleuniger Hedgefonds und derivate Geschäfte seien, so Brüderle, nun mal unter Rot-Grün und Finanzminister Steinbrück zugelassen worden, der sich bisher im übrigen als krachender Wahlverlierer einen Namen gemacht habe – 2005 in Nordrhein-Westfalen --, eine Niederlage, die Steinbrück, gefangen in seinem Zwang, bei „Was nun?“ nur so kommentierte: „Bezogen auf die absoluten Zahlen war ich gar nicht so schlecht.“

          Das sind so Situationen, in denen man Steinbrück eher für eine Witzfigur denn für einen „Charakterkopf“ (Andrea Nahles) halten könnte. Er hält ja auch sein Bankenpapier nicht etwa für grundsolide, fabelhaft oder sehr schön, sondern „bar jeder Eitelkeit“ wolle er dazu den „Was nun?“-Journalisten nur mal das eine sagen: Es gebe zu dem Thema „nichts Substantielleres zur Zeit“. Und er sagt auch: „Weiß der Teufel“.

          Fazit eines Steinbrück-Fernsehabends: Entweder Steinbrück war schon immer so. Oder es war sein Bonner Nachbar Wolfgang Clement, dessen autistisches Rabaukentum auf Steinbrück abfärbte, mehr als einem Kanzlerkandidaten lieb sein kann.

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