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FAZ.NET-Frühkritik : Heilsteine gegen die Angst

  • -Aktualisiert am

Konnte einem bewährten Talkshow-Thema keine neuen Aspekte abgewinnen: Frank Plasberg Bild: dpa

Bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ ging es diesmal um die Frage, was bei einer Krebserkrankung hilft - schulmedizinische Methoden oder doch eher Misteln und Homöopathie? Ein Thema, das zu groß war für eine Stunde Talk am Abend.

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          Erst in den letzten Minuten ist Frank Plasbergs Talkrunde am Montagabend etwas tiefer in die Materie eingestiegen. Es ging um Krebs, die „Angst-Diagnose“, wie es im Titel der Sendung hieß; die Gäste waren, ganz klassisch, zwei Ärzte, zwei Betroffene und Caroline Beil in der Rolle der Angehörigen.

          Am Ende, in diesen letzten zehn Minuten von „Hart aber fair“, werden schnell noch ein paar Zahlen eingeblendet: Beim Bundesforschungsministerium gebe es keinen gesonderten Förderschwerpunkt für Alternativmedizin; in den Vereinigten Staaten dagegen werde Forschung auf dem Gebiet in diesem Jahr mit 128 Millionen Dollar unterstützt. Eine Mutter, deren zehnjähriger Sohn an Krebs litt und geheilt wurde, erzählt in einer kurzen, eigens eingespielten Reportage, warum sie, die ansonsten auf anthroposophische Methoden schwört, keinen Moment daran zweifelte, dass eine Chemotherapie für ihr Kind das einzig Richtige war: Das Therapieprogramm sei validiert, durch langjährige Studien überprüft gewesen, begründet die Frau ihre Überzeugung.

          Diese Sequenzen wären ein guter Einstieg gewesen in eine fundierte Debatte, die dem altbewährten Talkshow-Thema Krebs, das aus der Perspektive von immer neuen Patienten geschildert, mit immer anderen betroffenen Prominenten geschmückt worden ist, vielleicht noch etwas Neues hätte hinzufügen können. Doch der Einstieg in die Sendung verlief dann auch diesmal nach dem üblichen Muster. Es bleibt offenbar nicht aus, wenn man Diskussionsrunden über das Thema Krebs aufbaut, indem man zwei konträre Positionen konstruiert, die dann hinter dem Talkshowtresen aufeinanderprallen.

          Zwischen den Fronten der Patient

          Bei Frank Plasberg war es die Frage nach der alternativen Medizin und ihrem Einsatz in der Behandlung von Krebserkrankungen, die die Gäste entzweien sollte. Eingeladen auf Medizinerseite waren der Bielefelder Thoraxchirurg Theodor Windhorst, der den autoritären und überzeugten Schulmediziner gab, und Axel Weber, der in seiner Privatklinik für integrative Medizin dem Krebs ganzheitlich begegnen will. Die Beiträge beider Mediziner blieben vorhersagbar, waren sie doch von vornherein in die Kontrahentenrolle gezwängt worden – die sie aber durchaus konsequent ausfüllten.

          Zwischen diesen Fronten saßen auch diesmal die Patienten: Zwei Frauen, die an Brustkrebs gelitten hatten. Beide ließen sich operieren; die eine entschied sich danach für eine Chemo-, die andere für eine Misteltherapie; beide überlebten ihre Krankheit. Als Orientierungshilfe für den Zuschauer taugte das wenig, wurden doch die jeweiligen Chancen und Gefahren im Zuge der Sendung nur ansatzweise thematisiert: Einmal darf Windhorst anmerken, dass alternative Therapien Nebenwirkungen - etwa Fieber - haben können, die falsche Schlüsse über den Verlauf der Krankheit nahelegen. Er skizziert damit eine Schwierigkeit, die vor allem auftritt, wenn der Patient aus eigenem Antrieb neben einer schulmedizinischen Behandlung ohne Absprache andere Therapien in Anspruch nimmt. Ein anderes Mal, und hier ist es umso sträflicher, dass man eine Chance verstreichen lassen und den Aspekt nicht vertieft hat, benutzt Windhorst den Begriff „evidenzbasierte Medizin“.

          Sein Versuch, das Konzept und die dahinter stehende Denkweise zu erläutern, wird bald abgebrochen. An dieser Stelle hätte die Chance bestanden, die Diskussion um die Verfahren in der Krebsmedizin zumindest ansatzweise einzuordnen und von dem Gegensatz Gut-Böse zu trennen: Die herkömmlichen Methoden, hätte ein Experte erklären können, sind genauso wenig aus der Luft gegriffen wie die der alternativen Medizin. Dass es über bisherige Therapieregimes und ihre Erfolge durchaus Studien gibt, und nicht nur aus persönlichen Sympathien an dem jeweiligen Konzept festgehalten wird, ging in der Debatte ein wenig unter. Sie kreiste stattdessen lange um die bekannten, wenn auch immer wieder in Diskussionsrunden dieser Art vorgebrachten Erzählungen über den monatelang als Bronchitis fehlinterpretierten Lungenkrebs und Diagnosen, die der Arzt im Umschlag überreicht, statt ein Gespräch zu führen. Die Moderatorin Caroline Beil etwa ist seit dem Tod ihres Vaters an Lungenkrebs, worüber sie ein Buch geschrieben hat, offen bereit, auf Geldgier und Geschmacklosigkeit der Mediziner zu schimpfen.

          Die Biographie von Steve Jobs war Anlass für die Sendung

          Doch auch wenn die Debatte durch die Berichte der Betroffenen an Fahrt gewann, die Sendung zersplitterte dadurch auch in viele, anekdotenhaft vorgetragene Einzelaspekte - statt einen klaren, kritischen Kurs zu verfolgen. Die großen, die zentralen Fragen der medizinischen Versorgung von Krebspatienten blieben nicht im Blick. So hätte der Off-label-Gebrauch von Medikamenten thematisiert oder die regional unterschiedlichen Versorgungsstrukturen angesprochen werden können, außerdem die Tatsache, dass nur die wenigsten Patienten angesichts einer Krebsdiagnose das erhalten, was sie wirklich benötigen: Eine gute Beratung von Experten.

          Vielleicht ist das Thema Krebs einfach zu groß, um nur einen Einzelaspekt herauszugreifen wie in diesem Fall, wo man es auf eine schlichte Frage reduzieren wollte. Was denn nun Krebs heile, sollte geklärt werden: Die altbekannten Therapien oder doch eher Homöopathie und Heilsteine? Den eigentlichen Anlass für die Sendung lieferte die Biographie von Steve Jobs. Er setzte nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs zunächst auf alternative Methoden, um dann doch alles aufzubieten, was die Schulmedizin hergab. Jobs soll es bereut haben, erst spät umgeschwenkt zu sein – ohne jedoch einen Beweis dafür zu haben, dass tatsächlich ein anderer Ansatz einen Vorteil bedeutet hätte.

          So wurde immerhin eins am Ende deutlich, auch durch den Exkurs in das Leben von Jobs: Am Ende bleibt immer die Unsicherheit, und man muss sie aushalten. Ob man auch mit alternativer Medizin allein denselben Erfolg erreicht hätte wie mit einer Chemotherapie, ob die Operation nach der Chemotherapie überhaupt noch nötig war oder ob die Misteltherapie nach dem chirurgischen Eingriff wirklich den Ausschlag gegeben hat: Krebspatienten können das auch nach einer Heilung nie endgültig wissen

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