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FAZ.NET-Frühkritik: „hart aber fair“ : Nur rumgeeiert

Feuer unterm Dach? Bayern-Anhang während des Champions-League-Finales Bild: dpa

Wer den Fußball vor seinen Fans schützt, wollte Frank Plasberg wissen. Für die falsch gestellte Frage hatte er leider auch noch die falsche Mannschaftsaufstellung gewählt.

          Das Timing stimmte, aber das war kein Verdienst der Sendung, sondern des Sportgerichts des Deutschen Fußballbundes, welches das Urteil über die Wertung des Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC auf Montag vertagt hatte.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und dass sogar in der Münchener Allianz-Arena beim Champions League Finale Bengalos abgebrannt werden würden, das wusste die Plasberg-Redaktion natürlich auch nicht. Nach den Vorkommnissen der letzten Wochen dichtete sie tapfer: „Gewaltige Leidenschaft - wer schützt den Fußball vor seinen Fans?“

          Das klang nun so, als sei der Fußball eine Art Ding-an-sich, ein unzerstörbares, zeitloses Wesen - und nicht immer ein konkretes Gesamtphänomen, ein System aus vielen Faktoren und Variablen, ein Produkt der jeweiligen Zeiten und Umstände. Und in diesem System muss man eben auch den Satz aushalten, dass Eskalation schon lange, lange zum Fußball gehört: nicht affirmativ, sondern als Feststellung, ohne den Wowereit-Satz „und das ist auch gut so“.

          Streberschlauer Kerner

          Dies einzuräumen, hatte schon der Auftakt der Sendung Probleme. Und wenn eine Diskussionssendung mit dem Vortrag von lauter Sonntagsschulsätzen beginnt, die jeder, der halbwegs bei Troste ist und die Formen zivilen Zusammenlebens achtet, unterschreiben muss, dann ist das natürlich eine wahnsinnig öde Basis für einen lebhaften Disput.

          Wenn auch nicht zu erwarten war, dass Plasbergs Sendung wieder aufblühen würde, wenn es in ihr um jenes Themengebiet ging, dem sie letztlich ihren Namen verdankt, ein bisschen mehr Arbeit gegen den Ball, ein bisschen mehr gesunde Härte im Tackling wäre dann doch nötig gewesen. Oder, noch besser, eine andere taktische Aufstellung. Der nicht mehr ganz so omnipräsente Johannes B. Kerner verließ zwar zwischenzeitlich die Sendung, um draußen vorm Studio zur Abschreckung einen Bengalo abzubrennen, gab sich auch sonst so streberschlau, als habe er Frank Plasberg nur aus Großzügigkeit die Moderation überlassen, doch in der Sache hatte er außer einem beliebigen Plädoyer für unerbittliche Härte nichts zu bieten. Vor lauter moraliner Gesinnung bestritt er sogar, dass Bengalos, wenn man sie kontrolliert und abseits von dichten Menschenmengen abbrennt, durchaus eine ästhetisch überzeugende Wirkung haben können.

          Wo bleibt der Dissens?

          Aber es ging ja auch nicht um Ästhetik, sondern eher um eine nach allen Seiten hin verständnisvolle Apologetik, die am Ende den Fans die ganze Schuld zuweist und die Vereine und Verbände entlastet. Dafür war ein Lobbyist und Multifunktionär wie Reinhard Rauball, der Borussia Dortmund und dem Ligaverband DFL präsidiert und auch noch Vizepräsident des DFB ist, die ideale Besetzung – warum Plasberg den um keine Phrase verlegenen Juristen mit der Sentenz davonkommen ließ, dass er in all diesen Funktionen nicht angesprochen werden wollte, das ist insofern ein Rätsel, als ja auch in Dormund der Platz gestürmt wurde und als es sich beim Pokalendspiel um eine Veranstaltung handelte, die der DFB ausgerichtet hat und nach der er, wegen der Feuerwerker, im Grunde gegen sich selber hätte ermitteln müssen wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen.

          Und so war es dann doch ungleich interessanter, was Leute sehen und sagen, die, so martialisch geht’s ja zu, gewissermaßen an der Front stehen wie Frank Richter, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), und Dirk Bierholz, der das Düsseldorfer Fanprojekt leitet.

          Wo man sonst den Dissens nicht fand, bei diesen beiden flammte er auf, aus unterschiedlichen Gründen. Was auch an schlichten Fakten lag: 29 Millionen Euro hat die Deutsche Bahn 2011 aufgewendet, um von Hooligans angerichtete Schäden zu reparieren, etwa hundert Millionen Euro wurden für Polizeiseinsätze im Umfeld von Fußballspielen aufgewendet, etwas 12.000 gewaltbereite Fans existieren in Deutschland, von denen nicht mehr als 4000 auch zur Tat schreiten.

          Das waren die Zahlen von Frank Richter, und aus ihnen ergab sich seine legitime Frage, die sich auch und vor allem an Funktionäre wie Rauball richtete: Warum schaffen wir es nicht, diese 4000 aus dem Verkehr zu ziehen? Was auch heißt: Warum schaffen es die Vereine nicht?

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