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FAZ.NET-Frühkritik: „Hart aber fair“ : Hallo, Herr Nackt-Mull!

Bundespräsident Christian Wulff Bild: dapd

Wie sehr Christian Wulff sein Präsidentenamt heruntergewirtschaftet hat, das offenbarte die Sendung „Hart aber fair“: ein Mann, über den, wie im Karneval, jeder alles sagen darf. Die Aufklärung bleibt auf der Strecke.

          Am Montag gegen 21.30 Uhr twitterte „Gefreiter Paul Jonas“ folgendes: „Hab die Vorstellung der Gäste verpasst: Sitzt bei „Hart aber fair“ gerade Jürgen Drews in einer Gesprächsrunde über unser Wülffelchen?“ Der Journalist Hajo Schumacher kann nichts dafür, dass er aussieht wie der selbsternannte „König von Mallorca“, aber sein Ton sagt alles: Den Bürgern gehen die Despektierlichkeiten gegenüber dem Bundespräsidenten nun schon ganz selbstverständlich über die Lippen, so, als wäre die Verkleinerungsform für diesen Mann noch die einzig passende Anrede.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Wie sehr der Mann in der öffentlichen Wahrnehmung geschrumpft ist, war der ARD-Sendung „Hart aber fair“ mit Andrea Nahles (SPD-Generalsekretärin), Hermann Gröhe (CDU-Generalsekretär), Fritz Pleitgen (ehemaliger WDR-Intendant), Hans Leyendecker („Süddeutsche Zeitung“) und Hajo Schumacher zu entnehmen, in der es auch der eisern auf Kurshalten bei der Beantwortung der Fragen bestehende Moderator Frank Plasberg nicht verhindern konnte, dass Christian Wulff wahlweise als „Pattex-Präsident“, „Nackt-Mull“, „Sanso-Schäfchen“ oder „weißer Rabe“ bezeichnet wurde – Bezeichnungen, die in der Sache natürlich auch nicht weiter halfen, aber um Aufklärung ging es dabei auch kaum. Nichts wurde in den 75 Minuten geäußert, was man in den vergangenen vier Wochen nicht schon gehört, gelesen oder bei sich selbst gedacht hätte.

          Ist er ein ungezogener Rapper?

          Nun gehört es zum Wesen von Talkshows, dass in ihnen hauptsächlich Meinungen und ganz persönliche Einschätzungen verbreitet werden. Aber wie heruntergewirtschaftet ein Amt ist, bei dem Begriffe wie „Würde“ und „Respekt“ zum festen Deutungsinventar zählen, konnte man nun bei Plasberg erleben. Dass es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das um diese Zeit keine Satire sendet, in dieser Form einmal um den ersten Mann im Staat gehen könnte, hätte man vor Jahresfrist jedenfalls noch für absolut unmöglich gehalten. Wer zufällig zugeschaltet hatte, dachte womöglich, hier gehe es um das neueste Skandälchen eines ungezogenen Deutsch-Rappers aus dem Aggro-Stall, der jetzt quasi nur noch auf Bewährung frei herumlaufe und den man die nächsten Jahre scharf im Auge behalten werde - so oft wurde gefragt, ob und wie es Christian Wulff noch möglich sei, Vertrauen zurück zu gewinnen.

          Dass über ihn jetzt im Bewährungshelfer-Ton und ohne die sonst gegenüber Politikern übliche Häme gesprochen wird, muss man als weiteres Indiz für die Respektseinbußen eines Amtsinhabers werten, der das Gift von Halbwahrheiten so reichlich in der Öffentlichkeit gestreut hat, dass sich die Diskussion vom ursprünglichen Anlass und vom sachlichen Gehalt weit wegbewegt hat und in einer eigenen Umlaufbahn kreist. Erwartbares wurde zu den Verfehlungen Kreditnahme und Diekmann-Mailboxnachricht geäußert, wobei sich nur Pleitgen milde zeigte, der (vielleicht) realistischerweise darauf hinwies, Wulff werde jetzt sowieso nicht mehr zurücktreten, während Gröhe nichts anderes übrig blieb als eine Verteidigung nach dem Motto „Jeder macht mal Fehler, und er hat sich doch entschuldigt“.

          Die Wut des Müllmannes

          Mit einer dieser dann doch recht instruktiven Filmeinspielungen sollte illustriert werden, wie streng Bestechlichkeit und Vorteilsnahme in anderen Berufen geahndet werden, deren Ansehen dann doch noch unter dem des Bundespräsidenten stehen, der Müllabfuhr etwa, bei der jemand schon seinen Arbeitsplatz verlieren kann, wenn er an Weihnachten Geld oder Geschenke im Wert von mehr als zehn Euro annimmt. „Ich kann die Wut eines Müllmannes verstehen“, sagte generös Hermann Gröhe, ohne offenbar zu merken, dass über die genaue Herkunft des Geldes, das Wulff von den Geerkens erhalten haben will, in der ganzen Sendung nicht gesprochen wurde, auch von dem investigativ sonst so versierten Hans Leyendecker nicht, dessen Waffen merkwürdig stumpf blieben, während Hajo Schumacher, der immer mal für eine verblüffende Pointe gut ist, die meiste Zeit vor sich hingrinste, als wäre Karneval und als sitze man hier über jemanden zu Gericht, dem ein Eintrag ins Klassenbuch droht.

          Tag, Herr Kaiser!

          Einig war man sich darin, dass es kein gutes Zeichen sein könne, wenn der Boulevard-Oberbefehlshaber Kai Diekmann nun selbst in den Rang eines Staatsmannes aufrücke, aber das sei eben Wulffs Fehler. Auch dazu gab es eine Filmeinspielung: Passanten wurden gefragt, was sie dem Bundespräsidenten auf die Mailbox sprechen würden, wenn sie das dürften. Dass sechs von acht mit „Hallo, Herr Wulff“ anfingen, könnte bedeuten, dass der Bundespräsident jetzt als eine Art Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer gesehen wird, ein korrekt gescheitelter Anzugträger, der das Prinzip persönlicher Vorteilsnahme verkörpert, bei dem sich Fragen des persönlichen Formats überhaupt nicht stellen.

          In der Sendung wurde dazu denn auch nur Ausweichendes gesagt. Plasberg fragte in die Runde, ob dies für eine Gesellschaft der Schnäppchenjäger am Ende nicht doch der passende Repräsentant sei. Auch darüber ist nachzudenken. Wie sehr jemand, der doch auch als Ministerpräsident manche Privilegien genoss, geradezu zum Synonym für Pfennigfuchserei und Nassauertum geworden ist, kann man beispielsweise der Seite wulffplag.de entnehmen. Alarmierend aber ist es, dass die Seite http://de.wulffplag.wikia.com/wiki/Wulffplag_Wiki Wulffs Verstöße säuberlich, aber wohl noch nicht vollständig auflistet und, als ginge es um einen steckbrieflich Gesuchten, folgendes mitteilt: „Dieses Projekt steckt noch in der Anfangsphase. Über Mitarbeiter freuen wir uns sehr.“ Wie zu all dem kommen konnte und was daraus folgt, darauf gab es in dieser bisweilen karnevalistisch gestimmten Sendung keine Antwort.
           

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