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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch : Wulffs Einmannbewegung: Occupy Bellevue

  • -Aktualisiert am

Wulff bringt nicht die Kraft auf, „alles zu erklären“ Bild: dpa

Christian Wulff findet kaum noch Fürsprecher, es gibt in der von ihm geschaffenen Lage keine guten Argumente mehr. Das musste auch Bernhard Vogel bei Günther Jauch erfahren.

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          Christian Wulff ist nicht mehr zu verteidigen. Darum verlor am Sonntag Abend die Sendung von Günther Jauch zum Thema, die zweite in kurzer Zeit, bald an Spannung.

          Bernhard Vogel war pro Wulff gekommen. Vogel ist Kult. Er hat alles und das Gegenteil davon erlebt und beweist doch immer gute Laune, steht entweder kurz vor einem kolossalen Lachanfall oder ist gerade mittendrin. So war seine Verteidigung Wulffs von großer, philosophischer Gelassenheit geprägt. Er amüsierte sich über die Nervosität der anderen Teilnehmer der Runde, insbesondere Nikolaus Blomes von der „Bild“ und Georg Mascolos vom „Spiegel“.

          Vogels Versuch war grundsympathisch und ehrenwert, weil er sich nicht drücken wollte, wenn nun, zu einem von ihm gewählten Mann, Reklamationen kommen. Aber er hatte bald keine Argumente mehr, weil er die zentrale Frage, ob der Bundespräsident in seinem Interview gelogen hat, nicht beurteilen kann, mangels Textkenntnis. Wulff macht es seinen Anhängern unmöglich, für ihn zu kämpfen: Solange der Bundespräsident den Text der Mailbox-Ansage nicht veröffentlicht, kann der Vorwurf gegen ihn nicht entkräftet werden. So bleibt die Frage von „Bild“-Mann Blome im Raum: Warum riskiert ein Bundespräsident so viel, spricht minutenlang auf das Band eines Journalisten, droht und lockt, wenn es ihm nur um die Verschiebung der Veröffentlichung eines Artikels um einen Tag geht? Hierzu reicht gewöhnlich ein Fax, wenn nicht eine Kurzmitteilung.

          Wulffs Drohung eine versuchte Nötigung?

          Vogel konnte dazu nichts sagen, weil er, wie die Mehrheit der Bundesbürger, die Ansage nicht hören darf. Als später noch die skurrilen Details der Kreditverträge zur Sprache kamen, sagte Vogel den Satz, der seine Verteidigungsstrategie zusammenfasste: „Es gibt die merkwürdigsten Sachen!“ Man spürte, bei allem Wohlwollen, eine große Distanz zwischen dem Weltverständnis Vogels und dem von Wulff praktizierten Herumfuchteln mit rollierenden Geldmarktkrediten zur Hausfinanzierung. Aber auch der, der nicht mehr zu verteidigen ist und sich selber am wenigsten zu verteidigen versteht, hat einen verdient, der etwas Nettes über ihn sagt und an die Milde erinnert, die hienieden walten sollte, wenn allzumal fehlbare Geschöpfe übereinander richten. Es ist eine schöne und menschliche, allerdings auch die letztmögliche Verteidigung, die man wählt, wenn zur Sache nichts Gutes oder Erhellendes mehr zu sagen ist.

          Der Profi für solche Fragen war in der Runde der Berliner Strafverteidiger und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach. In seinen Büchern geht es, wie in seinem Beruf, um Menschen, denen, wie Vogel sagte, „der Gaul durchgeht“, die sich im Gestrüpp verfangen und den Faden verlieren. Doch Schirach sprach nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, als Verteidiger, wohl aber als Jurist, indem er auf einen Punkt aufmerksam machte, der bislang kaum eine Rolle spielte: Die Drohungen Wulffs am Telefon könnten als versuchte Nötigung gewertet werden, und wenn sie ein so hoher Repräsentant des Staates ausspricht, ist es noch schlimmer. Der Bundespräsident hätte sich möglicherweise strafbar gemacht. Schirach ist kein Scharfmacher, in seinen Büchern geht es immer um die Kontingenz von Schuld und Recht; darum, wie leicht die Grenze zwischen Verfehlung und Verbrechen verwischt wird. Wer Schirach gelesen hat, weiß, dass die armen Teufel, die vor deutschen Strafkammern landen, selten so viel Nachsicht, Geduld und Menschlichkeit erfahren, wie sie der Bundespräsident wiederholt einfordert. Darum wies er die Zumutung Wulffs zurück, der „Abbild, nicht Vorbild“ der Gesellschaft sein möchte.

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