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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch : Wulff - ein Fernsehtag

  • -Aktualisiert am

Der Rücktritt des Bundespräsidenten veranlasste ARD und Günther Jauch zu einer Sondersendung. Bild: AFP

Günther Jauchs Sondersendung zum Rücktritt des Bundespräsidenten plätscherte dahin wie ein Pool auf Ibiza. Bettina Wulffs einstiger Arbeitgeber Rossmann kritisierte die Medien, der „Bild“-Vertreter gab sich staatsmännisch.

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          Seit gestern Vormittag ist Christian Wulff wieder eine Privatperson. Mit seinem Rücktritt hat ein einzigartiger Skandal sein politisches Ende gefunden. Mit dem Beginn der Morgensendungen gab es nur ein Thema, aufgeführt in den drei Akten: „Warten auf den Rücktritt“, „Der Rücktritt“ und schließlich „Wer wird Wulffs Nachfolger?“. Das alles garniert mit Rückblicken auf das politische Leben des Christian Wulff - und der Frage nach der Rolle der Medien.

          So wurde Günther Jauch sogar zum „doppelten Günther“. Auf RTL suchte er einen neuen Millionär und diskutierte zeitgleich in einer ARD-Sondersendung Wulffs Rücktritt. Millionäre spielten dabei bekanntlich auch eine Rolle.

          Details aus dem Privatleben von Frau Wulff

          Einer war sogar im Studio. Der Drogerie-Unternehmer Dirk Rossmann aus dem in Zukunft wohl wieder beschaulichen Großburgwedel. Er ist ein Freund des Ehepaar Wulffs und war bis 2010 der Arbeitgeber der nun ehemaligen First Lady aus dem Schloss Bellevue. In der Sendung von Maybrit Illner ist er durch seine so fulminante wie lautstarke Verteidigung Wulffs gegen die Angriffe diverser Publikationsorgane aufgefallen. Es war ohne Zweifel einer der medialen Höhepunkte in dieser achtwöchigen Verfallsgeschichte des Amt des Bundespräsidenten.

          So ist er damals etwa mit der Erkenntnis aufgefallen, dass Frau Wulff regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit gekommen sei, wobei sich für solche Details im Privatleben von Frau Wulff bis dahin niemand interessiert hatte – außer einigen bunten Blättern. Rossmann setzte uns trotzdem davon in Kenntnis. Die Mediennutzer erfuhren dafür ein paar Tage später von seinen Inseraten im Mitgliedermagazin der niedersächsischen CDU in der Amtszeit des damaligen CDU-Vorsitzenden Christian Wulff. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden gewesen. Allerdings werden die Anzeigen des David Groenewold in der gleichen Zeitschrift sicherlich in den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover eine Rolle spielen.

          So war Rossmanns gestrige Erkenntnis, dass der Rücktritt Wulffs unvermeidlich gewesen sei und er seine kostenlosen Urlaube bei anderen Millionären für problematisch halte, doch eine Überraschung. Nach dem Rücktritt sieht man halt manches anders als vor dem Rücktritt. Warum er die Kritik an Wulff wegen der Umstände des Hauskaufes in seinen heimatlichen Gefilden als überzogen betrachtete, blieb ein Rätsel. Der in der Pose des Staatsmannes bei Jauch agierende Nikolaus Blome klärte ihn dann auch zurecht auf: Es wäre zu Beginn des Dramas um Wulff nicht um den Privatkredit von Frau Geerkens gegangen, sondern um seine Aussage vor dem niedersächsischen Landtag über seine Beziehungen zu Herrn Geerkens. Das wissen wir zwar schon, aber es musste wohl noch einmal gesagt werden.

          Rossmanns investigativer Selbstversuch

          Blome ist bekanntlich der stellvertretende Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Wenn die Bild in Zukunft so schreibt, wie Blome gestern argumentierte, muss sich Kai Diekmann um die Auflage seiner Zeitung ernsthafte Sorgen machen. Sie erinnerte dann an das Amtsblatt von Großburgwedel. Aber sicherlich wird das Diekmann rechtzeitig erfahren, notfalls auch telefonisch. So plätscherte die Sendung dahin. Der Verfassungsrechtler Hans-Herbert von Arnim kam zwar nicht vom Emir, dafür trotzdem wegen des Streiks einer gewerkschaftlichen Splittergruppe zu spät. Er wandte sich gegen den Ehrensold für den Neu-Privatier Wulff.

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