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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch : Ohne Bekennerschreiben

  • -Aktualisiert am

Warum wurden die Morde erst so spät aufgeklärt wurden, wollte Jauch wissen Bild: dpa

Günther Jauch hat am Sonntag die grundsätzliche Debatte über Rechtsterrorismus eröffnet. Die Mordserie, für die drei Täter aus Thüringen verantwortlich sein sollen, gibt dazu auch allen Anlass.

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          Weil der Bundesinnenminister das Wort „Rechtsterrorismus“ just an diesem Sonntag erstmals öffentlich aussprach, hatten Günther Jauch und sein Talkshowteam schnell zu handeln: Sie mussten im Fernsehen die Debatte zu einem Thema eröffnen, die sich ganz bestimmt noch einige Zeit halten wird. Schließlich hatte sich selbst die Bundeskanzlerin im Laufe des Tages zu den Vorgängen um die mutmaßliche Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) aus Jena geäußert, die für die Ermordung von mindestens zehn Menschen, neun aus der Türkei (und in einem Fall Griechenland) stammenden Kleinunternehmern und einer Polizistin, verantwortlich zu sein scheint.

          Angela Merkel sprach von „Strukturen, die wir uns so nicht vorgestellt haben“, und beantwortete damit schon die Frage, mit der Günther Jauch seine Sendung betiteln sollte. „Blutiger Terror von rechts – haben wir die braune Gefahr unterschätzt?“ In den 45 Minuten selbst wurden die wichtigsten Fragen dann allerdings nur vage beantwortet. Aber mehr als kundige Einschätzungen waren auch nicht zu erwarten. Das gab die Informationslage schlicht nicht her.

          Gibt es ein Netzwerk des rechtsextremen Terrorismus?

          Günther Jauch stellte jene Fragen, die sich nach den ersten bekannt gewordenen Kapiteln der Geschichte der drei Thüringer Beate Z., Uwe M., und Uwe B. aufdrängen: Zum Beispiel die nach einem regelrechten Netzwerk von Rechtsterroristen, das neben den genannten Drei hinter der Mordserie stecken könnte, hinter zwölf Banküberfällen und einem Bombenanschlag in Köln. Frank Jansen, Reporter des „Tagesspiegel“, ist der Überzeugung, dass die drei weitgehend abgeschottet agierten. Sonst hätte doch irgendwer geplaudert oder wäre der Zusammenhang durch V-Leute aufgefallen. Damit gab Jansen eines der zentralen Stichworte, um die sich die Debatte fortan wohl drehen wird. V-Leute, Verbindungsleute, über die der Verfassungsschutz Informationen aus der rechtsextremen Szene abschöpft. Möglicherweise wird sie gar zu einer Debatte über den Verfassungsschutz selbst.

          Aber mehr als die Vermutungen eines erfahrenen Rechercheurs, die Einschätzungen eines Aussteigers aus der Neonazi-Szene (Manuel Bauer) und der entwaffnend ehrlichen Ratlosigkeit des Generalstaatsanwalts von Brandenburg (Erardo Rautenberg) konnten die Zuschauer an diesem Abend nicht erwarten.

          Warum die Morde erst so spät, nach insgesamt dreizehn Jahren, aufgeklärt wurden, wollte Jauch wissen. Immerhin wurde gegen das Trio bereits vor dessen Abtauchen in den Untergrund wegen rechtsextremer Straftaten ermittelt: „Es fehlte ein Bekennerschreiben. Das fehlte – und es war der entscheidende Punkt“, sagte Rautenberg.

          Auch Neonazi-Aussteiger Manuel Bauer konnte nur Vermutungen äußern

          Ein politisches Bekenntnis zu den als „Döner-Morde“ bekannt gewordenen Hinrichtungen hätte die Ermittlungen auf die rechtsextreme Szene gelenkt. So aber blieben es Morde ohne Motiv und die Zusammenhänge unklar. Bis sich zwei der Terroristen nun selbst umbrachten und die Ermittlungen zu einem Gesamtbild zusammenliefen. „Was der Staat nicht sieht, kann er auch nicht verfolgen“, sagte der ehemalige Neonazi Bauer, als läge in der bekenntnislosen Tat das Rezept für einen erfolgreichen Terrorismus. Staatsanwalt Rautenberg jedenfalls war „ratlos“, warum drei polizeibekannte Rechtsextremisten in Deutschland einfach untertauchen konnten.

          Was machen die V-Leute?

          Weil der bisherige Kenntnisstand den Verdacht nahelegt, dass der Verfassungsschutz in dieser Zeit Kontakt zu dem Trio hatte, blieb Jauch bei der Frage nach der Verantwortung der Sicherheitsbehörden. Der Rechercheur Jansen erinnerte daran, dass der „Thüringer Heimatschutz“, die Neonazi-Kameradschaft, aus der die NSU hervorgegangen ist, lange Zeit von einem V-Mann des Verfassungsschutzes angeführt wurde. „V-Leute sind immer problematisch, weil sie ja Extremisten bleiben. Sie verkaufen Informationen, bleiben dabei aber ihrer Gesinnung treu“, sagte Jansen.

          Cem Özdemir: „Stellen Sie sich vor es wären Linksradikale oder Islamisten, was wäre dann in dieser Republik los?“

          Die beiden Politiker in der Runde, der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und Cem Özdemir, der Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, suchten die Runde politisch für sich zu nutzen. Der eine, in dem er für ein Verbot der rechtsextremen NPD warb – obwohl es bislang keinen Grund gibt, die Partei mit dem Terror der NSU in Verbindung zu bringen, der andere, um die Diskussion ideologisch aufzuladen: „Stellen Sie sich vor es wären Linksradikale oder Islamisten, was wäre dann in dieser Republik los? Die Antwort muss man, glaube ich, nicht geben“, sagte Cem Özdemir.

          Erst der Auftakt der Debatte

          Nun ging es kreuz und quer durch den rechtsextremen Themenpark: Von dem mecklenburgischen Dorf Jamel, das von Neonazis beherrscht wird, bis zu dem Führungswechsel an der Spitze der NPD, die sich am Wochenende mit ihrem Fraktionsvorsitzenden im Sächsischen Landtag, Holger Apfel, einen neuen Vorsitzenden gegeben hat. Das eigentliche Thema, die tatsächliche Bedrohung durch einen rechtsextremen Terrorismus in Deutschland, geriert etwas aus dem Blick. Doch das sollte erst der Auftakt zu einer überfälligen Debatte sein. An diesem Thema dranzubleiben, dazu hat nicht nur Günther Jauch Grund. Richtig spannend würde es, wäre jemand dabei, der Auskunft über die Praxis beim Verfassungsschutz in Thüringen geben könnte.

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