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FAZ.NET-Frühkritik: „Günther Jauch“ : Kratzer am Kita-Lack

Nicht immer strahlend bunt: Bei Günther Jauch wurde die Kita-Frage diskutiert Bild: dpa

Bei „Günther Jauch“ wurde die Frage nach der Qualität der Krippen zum unfreiwilligen Argument für die Wahlfreiheit und das Betreuungsgeld.

          Unerwartete Entscheidungshilfe bei „Günther Jauch“: Wer bisher noch schwankte, ob er sein ein- oder zweijähriges Kind in eine Krippe geben oder lieber privat betreuen soll, konnte gestern abend zum Krippen-Skeptiker werden. Denn in der Jauch-Runde zum Zankapfel Betreuungsgeld ging es neben dem Austausch bekannter Argumente immer wieder auch um die Frage der Qualität unserer Krippen, gerade im Blick auf die erwartete Klagewelle, wenn es von August 2013 an den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz geben wird.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Und es entstand ein Szenario von Personalmangel, frühpädagogisch unqualifizierten Aushilfskräften, Tohuwabohu-Beschäftigungstherapie. Eine im Publikum sitzende Berliner Kita-Leiterin unterstrich die dramatische Lage und wurde ihrerseits durch hunderte von Mails bestätigt, die während der Sendung von überforderten Kita-Mitarbeitern eingingen – Günther Jauch sagte, so viele Mails habe er noch nie während seiner Sendung erhalten.

          Treiben wir also auf eine Situation zu, in der es auf der einen Seite den einklagbaren Krippenplatz für alle geben wird, auf der anderen Seite wegen dessen unzureichender Ausstattung eine „Kindeswohlgefährdung“droht, wie Stefan Sell meinte, Professor für Volkswirtschaft und eigentlich ein Krippen-Verfechter?

          Kitas benachteiligen die Benachteiligten

          Christa Müller von den Linken zitierte Studien, wonach der Spracherwerb von Kita-Kindern nur marginal besser sei als von privat betreuten Kleinkindern und kratzte damit am Lack eines Mythos, der in der Kindertagesstätte die effektivste Sozialisationsagentur sehen möchte, welcher man sich nicht ohne schwerwiegenden Grund entziehen dürfe. Ein zweiter Befund aus den von Christa Müller aufgerufenen Studien lautet, Kinder aus ohnehin schon sozial benachteiligten Familien werden in Krippen noch einmal benachteiligt, so dass sich dort also keinesfalls die Integration ergibt, die man propagiert.

          Jedenfalls habe sich, so Müller, die „Indoktrination“ erledigt, wonach besonders Migrantenkinder und Kleinkinder aus bildungsfernen Familien von der Kita profitieren würden. Allein die Moderatorin Gabi Bauer wollte nichts auf „die gut ausgebildeten Leute“ in den Kitas kommen lassen, erzählte dann aber, dass sie selbst bei der Suche nach Kita-Plätzen für ihre Zwillinge vom „Tohuwabohu“ mancher Einrichtungen, aus denen es sie „rückwärts wieder raus“ getrieben habe, erschreckt gewesen sei.

          Ein unfreiwilliges Argument für die Wahlfreiheit und das Betreuungsgeld, von dem Gabi Bauer die „Verführung“ ausgehen sieht, dass Elternteile aus Sorge um ihre ein-bis zweijährigen Kinder zu Hause bleiben könnten statt auch in dieser Zeit erwerbstätig zu sein. Wohingegen Christa Müller in der „lächerlich niedrigen“ Summe von 100 bis 150 Euro monatlich partout keine Verführungskraft erblicken wollte.

          Ein Stellvertreterkampf um Lebensentwürfe

          Würde in den Kitas alles besser werden, wenn man nur auch noch das geplante Betreuungsgeld in deren Ausbau stecken würde? Niemand konnte das gestern abend plausibel machen. Dass hinter dem Thema Betreuungsgeld aber eine ideologische Suggestion stehen mag, wurde unvermittelt deutlich, als Manuela Schwesig, stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, erklärte, privat betreuende Eltern würden ja als die besseren Eltern hingestellt.

          Genau das hatte auch in dieser Sendung niemand behauptet, aber man ahnte, dass die Auseinandersetzung ums Betreuungsgeld auch deshalb so heftig und nachhaltig geführt wird, weil sie nicht zuletzt als Stellvertreterkampf um Lebensentwürfe herhalten muss. Diese heimliche Debattenlage hatte wohl auch ein wenig auf die Redaktion von „Günther Jauch“ abgefärbt, als in einem Einspielfilm das Betreuungsgeld als „Gegenmodell“ zum Kita-Ausbau apostrophiert wurde, obwohl es sich laut Gesetzesentwurf um ein Ergänzungsmodell handelt – einer entsprechenden Richtigstellung des CSU-Generalsekretärs Alexander Dobrindt wollte in der Runde niemand widersprechen.

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