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FAZ.NET-Frühkritik : Eine Frau lacht durch

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Der Wirsing unter den Früchtchen: Hella von Sinnen stößt gutgelaunt auf ihren Fünfzigsten an Bild: Sat.1

Mit zweimonatiger Verspätung feierte Sat.1 am Freitagabend den 50. Geburtstag Hella von Sinnens - mit so vielen Kollegen und Gratulanten, dass einem fast schwindelig wurde. Und das Geburtstagskind am Ende des Abends vor lauter Lachen heiser gewesen sein muss.

          Vielleicht ist in Sachen alternativer Energieversorgung doch noch nicht alles versucht worden. Wir können die Sonne anzapfen, uns den Wind zu Nutze machen, die Kraft des Wassers auffangen - und doch reicht all das zusammen immer noch nicht aus, um die Kraftwerke abzuschalten, die uns entweder die Ökobilanz versauen oder hässlichen Müll hinterlassen, den bitte schön keiner in der Nähe seines Vorgartens endgelagert sehen will (vor allem nicht die, die am lautesten dafür kämpfen).

          Eine Quelle hingegen ist bisher ungenutzt geblieben: Hat schon mal jemand gemessen, wie viel Energie freigesetzt wird, wenn Hella von Sinnen lacht? Das kann nicht unerheblich sein. Oder wie Oliver Pocher es gestern in seiner Videogratulation für die Hella-von-Sinnen-Geburtstagsshow auf Sat.1 formulierte: „Wenn der Fernseher aus ist, kann man dich trotzdem noch hören.“

          Sollte das Fernsehen tatsächlich irgendwann mal Geschichte sein, wird vieles von dem Unsinn, den wir in all den Jahren vorgesetzt bekommen haben, zurecht wieder vergessen sein. An einige Institutionen aber werden sich die Menschen immer erinnern können: an den dürren Mann zum Beispiel, der 25 Jahre immer dieselben alten Witze gerissen hat - und an die Frau an seiner Seite, die immer am lautesten drüber lachen musste. Obwohl sie sie alle schon kannte. So sehr wie Hella von Sinnen sich während der Aufzeichnung ihrer Geburtstagsshow über die vielen Ständchen und Comedy-Nummern amüsierte, die ihr da als Geschenk auf ihrem goldenen Thron überreicht wurden, mit Tränen in den Augen und schallendem Gelächter, hätte eigentlich eine ganze Kleinstadt für einen Abend mit Strom versorgt werden können.

          Galeonsfigur des Anarchie-Fernsehens

          Die Frau ist halt ein Phänomen. Und 50 Jahre alt - eigentlich unglaublich, hätte es Hugo Egon Balder, der „alte Mann“ an ihrer Seite, nicht ständig wiederholt. Niemand steht so sehr für die Anarchie des frühen Privatfernsehens wie Balder und von Sinnen, die Jahre, in denen noch experimentiert und über die Stränge geschlagen wurde. Und selbst wenn ihre Art, Fernsehen zu machen, schon ein bisschen in die Jahre gekommen ist - ihre Freude, die sie dabei haben, ist es nicht.

          Hella von Sinnen sieht man an, wenn sie Spaß im Fernsehen hat, und sie kann es nicht verbergen, wenn das Gegenteil der Fall ist. Insofern muss die Show „Happy Birthday, Hella!“, die von Sat.1 schon am 2. Februar aufgezeichnet worden war, von Sinnens tatsächlichem Geburtstag, ein Höhepunkt der vergangenen Jahre gewesen sein. Vielleicht nicht für die Zuschauer vor dem Fernseher, aber für das Geburtstagskind selbst, allein schon wegen der unfassbaren Zahl der Gratulanten. Hape Kerkeling trat als Uschi Blum mit seinem Titel „Sklavin der Liebe“ auf, Barbara Schöneberger und Nina Hagen sangen umgedichtete Klassiker, Alice Schwarzer (mit der von Sinnen früher bei „Emma“ zusammengearbeitet hatte) hielt eine Laudatio und Quatsch-Comedy-Club-Chef Thomas Herrmanns moderierte eine Modenschau, in der Kollegen von Sinnens Overalls vorführten, die sie sonst stets trägt. Zum Geburtstag allerdings hatte die Frau plötzlich Bluse, Hose und Frack an - und sah darin beinahe seriös aus. (Obwohl man sie auch gerne noch einmal in dem stoffgewordenen Brandenburger Tor gesehen hätte, das Markus Maria Profitlich als einen ehemaligen von-Sinnen-Höhepunkt der Kleiderwahl auftrug.)

          Von guter Laune anstecken lassen

          Und selbst wenn diese Party unter Kollegen womöglich nicht als Gipfel der guten Unterhaltung in die Fernsehgeschichte eingehen wird, weil dafür manche Gags über fast zweieinhalb Stunden ein bisschen lau waren, reichte es doch, um von Sinnen dabei zuzusehen, wie sie sich über jeden einzelnen Gast ehrlich freute, und sich von ihrer guten Laune anstecken zu lassen. Mario Barth versuchte gleich zu Beginn offenbar, einen weiteren Weltrekord aufzustellen: nämlich auf möglichst vielen Sendern gleichzeitig zu erscheinen (bei RTL lief parallel „Willkommen bei Mario Barth“), und von Dirk Bach als Balders Co-Moderator war nach der Anmoderation beinahe gar nichts mehr zu hören - aber das kann auch daran gelegen haben, dass die Marathonshow noch mal radikal geschnitten werden musste, um überhaupt ins Sat.1-Programm zu passen. Von Sinnens Gefrotzel mit Balder jedenfalls lief wieder auf Autopilot: „Wie war das, als sie 50 wurden?“, fragte von Sinnen, und ihr Fernsehpartner antwortete: „Kann mich kaum erinnern. Da war ja noch alles zerbombt.“ Ein anderes Mal ulkte Balder über von Sinnens Tanztalent: „Ich hätte Sie groß rausbringen können!“ - und die giftete zurück: „Bei ,Tutti frutti', als Wirsing?“

          So altbacken dieses Ping-Pong manchmal wirkt: Irgendwie ist es ganz gut, dass man sich darauf verlassen kann. So lange Balder und von Sinnen sich noch gegenseitig „magersüchtiges Frettchen“ und „alter Mann“ nennen, scheint die Welt in Ordnung zu sein. Nur einmal war von Sinnen in der Show so überwältigt, dass Sie glatt vergaß, Balder - wie es seit Ewigkeiten Tradition ist - zu siezen, als sie sich über Parodist Max Giermann amüsierte, der eine geradezu perfekte Balder-Kopie aufführte: „Der läuft sogar wie du!“ Nur ein Geschenk lehnte von Sinnen radikal ab: Am Ende gratulierte der Fanfarenzug Gummersbach, ihres Heimatorts, mit einem Ständchen, der Bürgermeiste überreichte ihr die goldene Stadtmedaille (was das Geburtstagskind sichtlich bewegte) und sagte: „Ich lade Sie noch zu einer Ballonfahrt über Gummersbach ein.“ Woraufhin von Sinnen wie aus der Pistole geschossen klarstellte: „Auf keinen Fall!“ Fliegen ist eben nicht so ihr Ding. Und was will man die Welt auch von oben betrachten, wenn man sie doch schon in- und auswendig aus dem Fernsehen kennt?

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