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FAZ.NET-Frühkritik : Da verliert man schon mal den Überblick

  • -Aktualisiert am

Ganzheitlich, bei vollem Körpereinsatz: Die Runde bei „Anne Will“ diskutierte über das deutsche Versicherungswesen Bild: dapd

Anne Will beschäftigte sich mit den Kundenbeziehungen im deutschen Versicherungswesen. Es waren nur seriöse Gäste im Studio. Trotzdem war es ein informativer Abend.

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          Was ist der Unterschied zwischen einem Makler und einem Drücker? Der eine ist seriös und der andere, auch „Strucki“ genannt, erweckt bloß den Anschein. Wer nun denkt, dass der Freiherr zu Guttenberg am Mittwochabend das Thema bei Anne Will gewesen war, sieht sich getäuscht. Es geht um eine Branche, deren Ruf ähnlich belastet ist wie der des flotten „Gutti“, die aber im Gegensatz zu ihm die mediale Öffentlichkeit fürchtet. Diese neigt bisweilen zu kritischer Berichterstattung.

          Es geht um das deutsche Versicherungswesen. Über diesen Unterschied zwischen Makler und Drücker klärte den Zuschauer Walter Benda auf, der mit 21 Jahren als Verkäufer in einem Strukturvertrieb begann. Er ist mittlerweile als Finanzmakler von der dunklen Seite der Versicherungsbranche in das andere Lager gewechselt.

          Warum das nicht so einfach ist, wurde in den 75 Minuten deutlich. Die Branche leidet, so waren sich die Diskutanten einig, an einem „strukturellen Problem“ (Walter Benda) namens Vergütung auf Provisionsbasis. Wer vor allem aus dem Abschluss neuer Verträge sein Einkommen generieren muss, wird die Neigung entwickeln, weniger auf die Bedürfnisse des Kunden nach Absicherung elementarer Risiken zu achten, als auf die Höhe der nach Vertragsabschluss zu erwartenden Provision.

          Selbst der seriöse Vertreter der Stuttgarter Lebensversicherung, Ralf Berndt, konnte mit seinem Hinweis auf die Identität zwischen Beratung und Verkauf nicht überzeugen: Gewinnmaximierung ist nämlich das Grundprinzip unseres Wirtschaftslebens. Dafür braucht man einen leistungsfähigen Vertrieb.

          Und die Seele des Vertriebs sind begabte Verkäufer, die Menschen Dinge nahebringen, von denen sie gar nicht wussten, dass es sie gibt und warum ausgerechnet sie das auch noch brauchen können. Fachkompetenz ist bei Verkäufern zudem keine zwingende Einstellungsvoraussetzung, so wie in anderen Berufen bekanntlich auch. Leider wurde das Thema nicht weiter vertieft.

          Stolz auf ihre Ratings: die Nürnberger Versicherung

          Ansonsten wäre es kaum möglich gewesen, den Deutschen 460 Millionen Versicherungsverträge anzudrehen, wie Frau Will ihren Zuschauern gleich zu Beginn der Sendung mitteilte. Natürlich hat selbst das Leben in Deutschland nicht so viele Risiken, um diese Zahl zu begründen. Es wurde deutlich, wie dieses Versicherungswesen - bei Lichte betrachtet - funktioniert.

          So teilte uns der Finanzexperte der Stiftung Warentest, Hermann-Josef Tenhagen, mit, dass 75 % der Lebensversicherungsverträge nicht ihr Laufzeitende erreichten. Sie sind für diese Kunden ein miserables Geschäft. In einem Einspieler mit anschließendem Interview wurden auch die Tücken der von Tenhagen propagierten Berufsunfähigkeitsversicherung deutlich.

          „75 % der Lebensversicherungsverträge erreichen nicht ihr Laufzeitende“: Hermann-Josef Tenhagen, Finanzexperte der Stiftung Warentest
          „75 % der Lebensversicherungsverträge erreichen nicht ihr Laufzeitende“: Hermann-Josef Tenhagen, Finanzexperte der Stiftung Warentest : Bild: dapd

          Der 59 Jahre alte Maurer Hermann Boyer hat eine für den Zuschauer sichtbare Arthritis in den Händen, ist also offenkundig berufsunfähig. Das ließe sich auch am TV per Ferndiagnose mit einer gewissen Plausibilität vermuten. Das hindert aber die Nürnberger Versicherung nicht daran, Boyer seit Jahren eine Auszahlung seiner Rentenbezüge zu verwehren.

          Sein Anwalt sprach von „seltsamen Nachfragen und Einwendungen“ des börsennotierten Versicherungsriesen. Dieser ist übrigens stolz auf seine erstklassigen Ratings. So ist laut der Firmen-Homepage die Nürnberger Lebensversicherung AG „derzeit das einzige Unternehmen, das mit ihrer Berufsunfähigkeits-Versicherung im Unternehmensrating von Franke und Bornberg „8-mal in Folge die Bestnote FFF“ erzielte. Und außerdem von Finanztest ein „sehr gut“ sowie von Morgen & Morgen ein „ausgezeichnet“ erhalten habe.

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