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FAZ.NET-Frühkritik : Beschissen wird noch immer

Nur fünf Prozent der Anbieter von Sportwetten können überhaupt kontrolliert werden: Szene aus der Dokumentation „Sport, Mafia und Korruption“ Bild: Arte/Crescendo Films

Thomas Kausch diskutiert bei Arte den Fußball, die Mafia, die Milliarden und die Manipulationen. Bei so viel krimineller Energie hilft auch kein Beckenbauer-Zitat.

          Bevor jemand zu ungeduldig wird: Natürlich kam Beckenbauer vor. Diskussionsrunde im Fernsehen, Thema Fußball, da geht es doch nicht ohne. Bringen wir es also hinter uns. 30 Minuten Talk über Mafia, Millionen und Manipulationen im Rahmen des Themenabends „Sportwetten“ bei Arte, und kurz vor der Halbzeit wird er zitiert, der unvermeidliche Giesinger. „Beschissen worden ist immer, hat Franz Beckenbauer mal gesagt“, meint Urs Scherrer zur Diskussion beitragen zu müssen.

          Scherrer ist Chef des „Early Warning Systems“ des Fußball-Weltverbands Fifa, was insofern ein bisschen in die Irre führt, weil dieses System, wenn es denn mal vor manipulierten Spielen warnt, dies sicher nicht so tut, dass das Fußballvolk es unter dem Stichwort „früh“ subsumieren würde. Schließlich wird in der modernen Welt live, also während des Spiels gewettet, so dass die Systeme und ihre Algorithmen einen Verdacht aller Wahrscheinlichkeit nach erst nach einem Spiel ausspucken werden, wenn es meist mitnichten early, sondern much too late ist. Aber soweit kam die Diskussion nicht.

          Scherrer hatte es natürlich nicht leicht, denn der Weltverband hat ja über die Jahrzehnte wirklich einiges getan, seinen Repräsentanten in jeder Form der öffentlichen Auseinandersetzung, und sei es in einer halbstündigen Diskussion auf einem öffentlich-rechtlichen Kulturkanal, die Rolle des Bad Guy aufzudrücken. Fifa, das ist in einem Talk Stigma wie FDP vor Schleswig-Holstein, nur global und ohne Kubicki. Unglücklicherweise für Scherrer half aus dieser Rolle auch ein spontan eingestreutes Beckenbauerzitat nicht heraus, selbst wenn es, wie so oft, nicht einmal zu widerlegen ist.

          Also stand der Schweizer gegen Anne Brasseur, einst luxemburgische Sportministerin, heute Berichterstatterin des Europarats zum Thema Sportwetten, vor allem aber gegen den Franzosen Hervé Martin Delpierre, dessen Film „Sport, Mafia und Korruption“ zuvor 75 Minuten lang gezeigt hatte, wie schlecht es bestellt ist um die Einsatzbereitschaft, um Moral und Anstand vor allem im Fußball, wenn nur einer mit genügend Geldscheinen wedelt, damit das Ergebnis in seinem Sinne ausfällt.

          95 Prozent der Wetten unkontrollierbar

          Dabei sind Fußballer mitnichten schlechtere Menschen als andere Sportler, sie spielen nur das mit Abstand interessanteste Spiel. Und es steht leider zu befürchten, dass Delpierre, der seinen Film zwei Jahre recherchierte, Recht hat: „Eine Milliarde Euro wird auf das Champions-League-Finale gesetzt. Wem sollte auffallen, dass darunter zehn Millionen aus kriminellen Geschäften sind, die von der Mafia gewaschen werden?“

          Scherrers Early Warning System eher nicht, denn das schlägt nur aus, wenn erstaunliche Summen auf ungewöhnliche Ergebnisse gesetzt werden, vulgo ein Manipulationsverdacht vorliegt, was in einem Champions-League-Finale (angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit und der annähernd ähnlichen Leistungsstärke der Teams) ohnehin eher nicht zu erwarten ist. Und es schlägt nur aus, wenn sie bei legalen Wettanbietern gesetzt werden, mit denen die Fifa kooperiert. Das sind rund vierhundert. 14.600 der etwa 15.000 Online-Wettanbieter sind es nicht. „Wenn 95 Prozent der Wetten nicht kontrollierbar sind – haben Sie da keine Angst?“, fragte Delpierre nach.

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