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FAZ.NET-Frühkritik : Auf den Hund gekommen

  • -Aktualisiert am

Bericht und Meinung sind hoffnungslos miteinander verwoben - und das liegt nicht an Anne Will Bild: dpa

Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt. ARD und ZDF waren dabei. Journalisten können aber nur noch das Desaster öffentlicher Meinungsbildung dokumentieren.

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          Bundespräsident Joachim Gauck hat sich am Mittwoch anlässlich der Verleihung des Theodor-Wolff Preises zur Lage des Journalismus geäußert. Dabei betonte er als ein Qualitätsmerkmal die klassische Unterscheidung zwischen Bericht und Kommentar. Nun ist diese wenig problematisch, wenn die Fakten klar und vor allem unumstritten sind. Das dieses nicht so einfach ist, dokumentierte am Mittwochabend die Berichterstattung in ARD und ZDF zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die neue Euro-Rettungsarchitektur.

          Der über den reinen Meldungscharakter („Karlsruhe billigt ESM und Fiskalpakt mit Auflagen“) hinaus interessierte Bürger konnte sich in den beiden Sondersendungen von ARD und ZDF ein Bild machen. Mit einer vergleichsweise bescheidenen Nuancierung berichteten beide über die Abweisung der Verfassungsklagen in Karlsruhe. Sie dokumentierten die Konkretisierungen seitens des Bundesverfassungsgerichts. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erläuterte die Sichtweise der Bundesregierung nach dem Urteilsspruch.

          Im ZDF kam der hessische Europaminister Jörg-Uwe Hahn zu Wort, während in der ARD der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel die parlamentarische Opposition vertrat. Immerhin vermittelte die ARD noch die Reaktionen aus Spanien und Italien. Und – ein echter Fortschritt – kaum einer interessierte sich in den Sondersendungen für die Reaktion der Märkte.

          Dann kam Anne Will

          Der an Politik überdurchschnittlich interessierte Bürger ist eine relativ kleine Minderheit in der Bevölkerung. Aber er konnte sich in ARD und ZDF durchaus über den Sachstand informieren. Wie er sie bewertet, ob der Zuschauer dem Bundesfinanzminister, einem FDP-Europaminister oder SPD-Vorsitzenden vertraut, steht auf einem anderen Blatt. Die Aufgabe des Journalisten ist schließlich Berichterstattung und nicht Vertrauensbildung, für wen auch immer. Wobei das nicht immer gelingt: Theodor Wolff sei es hiermit geklagt.

          Doch dann kam Anne Will mit ihrer Sendung über das Euro-Urteil. Wahrscheinlich kann man als Journalist nur noch kapitulieren. Bericht und Meinung sind hoffnungslos miteinander verwoben. Heute kann man sich noch nicht einmal mehr über die elementarsten Tatbestände einigen, um darüber anschließend kontrovers zu diskutieren. Das lag keineswegs an Frau Will. Sie war gut vorbereitet, hatte eine angemessene Auswahl der vor dem Verfassungsgericht streitenden Parteien eingeladen.

          Es lag wahrscheinlich auch noch nicht einmal an den Gästen. Die Beschwerdeführer in Karlsruhe, wie der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, oder die ehemalige Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin, gelten bekanntlich als eher ruhigere Charaktere. Der Fernsehmoderator Heiner Bremer konnte sogar der Versuchung widerstehen, die Sendung selber leiten zu wollen. Frau von der Leyen, vergangene Woche noch in Sachen Rente unterwegs, vertrat die Bundesregierung in der Sendung.

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