https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/faz-net-fruehkritik-anne-will-waehlbar-aber-erschreckend-11659462.html

FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will : Wählbar, aber erschreckend

Anne Wills Talkshow diente der Bekräftigung. Wer sagte, sie diente der Information?
          2 Min.

          Als Konrad Adenauer einmal, auf ein Urteil angesprochen, das nicht zu seiner Politik passe, zurückfragte, was ihn sein dummes Geschwätz von gestern angehe, fanden das manche zynisch. Im Verlauf von Talkshows erlebt man jedoch viel kürzere Abschreibungsperioden für Argumente. Hier müsste es heißen: Was geht mich mein Daherreden von gerade eben an?

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          In der Gesprächsrunde von Anne Will über Joachim Gaucks Eignung zum Bundespräsidenten gab es viele Beispiele dafür. Ein junger Herr von den Berliner Jusos etwa hielt Gauck für wählbar, wenngleich er ihn nicht wählen würde, teilte aber fünf Minuten danach mit, er habe bei Gauck „viel Erschreckendes gelesen“. Wählbar, aber erschreckend.

          Der Journalist Giovanni di Lorenzo und der Sachbuchautor Richard Precht wiederum beschrieben teils erfreut, teils empört, dass Gauck als Kandidat aus einem riesigen Hickhack von Parteien hervorgegangen sei, von denen eigentlich nur die bis zum Verschwinden kleinste ihn wirklich wolle. Di Lorenzo bekräftigte außerdem, dass es gut sei, wenn jemand – die „Internetgemeinde“, die Linke im Allgemeinen und ehemalige Parteisekretärinnen für Agitation und Propaganda an der TU Dresden im Besonderen – gegen Gauck sei. Um danach mit der Zeitdiagnose aufzuwarten, wir lebten leider in einer „Konsensgesellschaft“. Hickhack, also Konsens.

          Freiheit vor Gerechtigkeit?

          Di Lorenzo fand an Gauck auch prima, dass er in der Lage sei „die Menschen mitzunehmen“. Aber besonders gut, dass es Gauck nicht so kümmere, wie er ankomme. Konsens gut, Dissens auch gut. Oder auch: Konsens schlecht, Konsens, dass Dissens gut ist, hingegen gut.

          Die ehemalige Parteisekretärin der SED wusste ihrerseits, im Einklang mit dem Jungsozialisten und dem Sachbuchautor, dass Freiheit – die Gauck ständig im Mund führe - ohne Gerechtigkeit gar nichts sei. Fand dann aber, dass man die Leuten von der DDR-Staatssicherheit nach 1989 viel zu sehr drangsaliert habe. Und als ihr Vera Lengsfeld (CDU) daraufhin entgegenhielt, dass auch den Opfern des SED-Regimes der Sinn nach Gerechtigkeit steht, versetzte sie, jeder verteidige die eigene Biografie. Also doch Freiheit vor Gerechtigkeit, jedenfalls so lange es nicht um Verteilungsfragen geht?

          So könnte man weiter berichten und käme immer wieder auf dasselbe Dilemma. Die Diskutanten, von denen sich nur der Historiker Heinrich August Winkler durch Sachbeiträge – etwa zum Unfug direkter Präsidentenwahl - abhob, haben ihre eigenen Meinungen nicht im Griff. Sie finden entweder alle Werte golden (Freiheit und Gleichheit, Reden und Handeln, Vielfalt und Integration, Eigensinn und Repräsentation usw.), oder ziehen momentan einen vor, ohne sich zu fragen, ob sie diese Präferenz bei einem Themenwechsel auch nur fünf Minuten durchhalten.

          Oder bei einem Epochenwechsel: die Parteisekretärin. Oder bei einem Ortswechsel: der Sachbuchautor, den ich schon bei einem FDP-Kongress als Matador des Liberalismus gehört habe, der hier aber aus der Freiheit in drei, vier Sätzen die Anarchie oder (!) Oligarchie hervorgehen ließ.

          Dass man so nicht vom Fleck kommt, bedeutet natürlich für Talkshows dieser Machart nichts. An ihrem Ende steht sowieso nur fest, was auch schon vorher alle wussten. Sie dienen der Bekräftigung. Was geht sie die Behauptung an, sie dienten der Information?

          Weitere Themen

          Zur Hölle mit Rambazamba

          „Tatort“ aus Wien : Zur Hölle mit Rambazamba

          Weiche, Satan, dem „Tatort“-Statut: Unsere sonntägliche Blutmesse kommt diesmal aus Wien. Thomas Roth hat eine gruselig meschugge Episode gedreht.

          Topmeldungen

          Vorbild Greta: ein Kunstwerk der britischen Künstlergruppe „Sand In Your Eye“ in der Nähe von Leeds aus dem Jahr 2020

          Wachstum und Wohlstand : Kommt das Zeitalter des Verzichts?

          Wachstum ist die Quelle unseres materiellen Wohlstandes. Doch es wird auch verantwortlich gemacht für die Klimakrise und den ruinösen Umgang mit dem Planeten. Können wir durch Verzicht unsere Umweltprobleme lösen?
          Weniger Kunden: Mario Blandamura (links) und Kurt Lorenz bekommen mit ihrem Bioladen „Paradieschen“ die Krise zu spüren.

          Inflation und ihre Folgen : Wieso Bioläden große Sorgen haben

          Die Inflation dämpft die Kauflust und viele Verbraucher sparen gerade bei Lebensmitteln. Der Umsatz der Biobranche verzeichnet zweistellige Verluste – und viele inhabergeführte Unternehmen kämpfen um ihre Existenz.
          Turritopsis nutricula gehört zu einer Gattung der „unsterblichen Qualle“.

          Altersforschung : „Wir werden mit 80 und 90 Jahren noch arbeiten“

          Ist die Steigerung der Lebenserwartung ein „Pakt mit dem Teufel“? Der Altersforscher Nir Barzilai spricht über die Chancen, sie weiter zu verlängern – und die finanziellen Konsequenzen für die Gesellschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.