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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will : Die Klientel bin ich

Das Finanzministerium als „ehrenvolle Zumutung”: Wolfgang Schäuble Bild: dpa

Bei Anne Will besteht Wolfgang Schäuble den ersten Fernseh-Elchtest als Finanzminister. Jürgen Trittin empfiehlt sich als Oppositionsführer. Ein Jungliberaler will eine „neue Ethik“. Szenen einer ansatzweise profunden Debatte.

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          Für das Mode-, Un- oder Antiwort des Jahres - vulgo für die hohlste Phrase im ganzen Land - hätten wir einen heißen Kandidaten: Es ist das Wort von der „Klientel-Politik“. Mit diesem wird gewuchert, was das Zeug hält, vor allem gegen die neue schwarz-gelbe Regierung. Die Roten, die Purpurroten und die Grünen reden von der „Klientel“ der beiden Regierungsparteien so, als handele es sich dabei um einen mafiösen Verein, dessen Beschaffungskriminalität zu sichern der neuen Regierung höchstes Ziel sei. So redet die neue Opposition und das ist ihr gutes Recht. Allerdings tut sie so, als habe sie selbst gar keine eigene „Klientel“, also Kundschaft, sondern vertrete, wie Sigmar Gabriel es hemdsärmelrhetorisch und ohne Krawatte verkündet, allein das Allgemeinwohl: Spiel nicht mit den Klientelkindern!

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die „Klientel“ von heute, das zeigte die Talkshow von Anne Will am Sonntag, das sind die, die gestern für die einen die „Besserverdienenden“, für die anderen die leistungskräftigen Mittelständler der Gesellschaft, die vom Aussterben bedrohte bürgerlichen Mittelschichtler waren. Sie - und nicht mehr nur die Millionäre, die Oskar Lafontaine bei solcher Gelegenheit gerne zur Schröpfkur bittet - werden in der öffentlichen Debatte inzwischen gegen die Hartz IV-Empfänger ausgespielt, nach dem Motto: Wer denen hilft, denen es etwas besser geht und die noch Steuern zahlen, darf nicht an jenen vorbeigehen, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Dass die Hilfe für die einen zugleich Vorbeugung dafür ist, dass die Gruppe der Leistungsempfänger nicht noch weiter wächst und also wiederum die Schulden des Staates, die Steuerlasten und vor allem die Bürden für die jüngeren Generationen, das wird in solchen Momenten ausgeblendet.

          Flucht aus der neoliberalen Ecke

          Bei Anne Will zündeten das Blendwerk vor allem Jürgen Trittin und die Journalistin Elisabeth Niejahr von der „Zeit“. Sie rieben der neuen Regierung zudem Bilanzierungstricks unter die Nase, mit denen diese die weiterhin steigende Verschuldung kaschieren wolle. Wobei die Kritiker an diesem Punkt selbstverständlich nie an die Kosten denken, die ihre anderen Forderungen verursachen. Von einem „Fehlstart“ der Regierung haben sie genauso leicht reden wie die Opponenten und Kritiker aus der entgegengesetzten, der echten neoliberalen Ecke, in der die Union noch nie hockte und welche die FDP mit Beginn der Koalitionsverhandlungen fluchtartig verlassen hat. Sie sehen in Schwarz-Gelb eine Fortsetzung von Schwarz-Rot, da reicht jede noch so kleine Kindergelderhöhung, um das Bild des vermeintlich drohenden Staatsmonopolkapitalismus auszumalen.

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