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FAZ.NET-Frühkritik : Anne Will darf bleiben

Seltenes Interesse für Politik: Anne Will, Moderatorin Bild: dapd

Die ARD-Journalistin Anne Will ist eine der wenigen Moderatorinnen, die sich für Politik interessieren. Deshalb gibt ihre Talkshow mehr her als die Sendungen ihrer Konkurrenz - das bewies sie auch mit ihrer Diskussion über Altersarmut.

          3 Min.

          Welche Erwartungen darf ich eigentlich an eine politische Talkshow haben? Sie sollte unterhaltsam und nicht zu abstrakt sein. Sonst könnte man sich auch eine Bundestagsdebatte anschauen. Es sollte kontrovers zugehen. Wenn zu viel Einigkeit herrscht, hätte man sonst das Gefühl, es werde eine Position unterschlagen. Die Gäste sollten sich nicht zu sehr ins Wort fallen und nicht zu sehr vom Thema abschweifen. Fakten (vor allem in den Einspielbeiträgen) sollten stimmen. Allen voran aber: Man sollte hinterher wissen, wofür der Gast eintritt, welche Handlungsoptionen die Politik hat und welche Folgen die unterschiedlichen Modelle nach sich ziehen würden.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Gemessen daran macht Anne Will keinen schlechten Job. Am Mittwochabend – gleich nach Lewandowskis Torrausch im Dortmunder Stadion, das die Konkurrenz vom ZDF übertrug – diskutierte sie über Altersarmut und stellte die Frage, ob sie eine düstere Zukunftsvision oder schon Realität ist. Unterhaltsam, kontrovers und politisch: diese Kriterien erfüllt Will. Sie scheint die einzige ARD-Talkshow-Moderatorin, die sich wirklich für Politik interessiert – nicht für Drucksachennummern, aber doch für Argumentationslinien. Sandra Maischberger interessiert sich für Menschen, Jauch verlässt immer dann die Diskussion, wenn es um Reformmöglichkeiten geht. Plasberg ist politisch, aber zugleich in seiner Rolle als Dompteur gefangen. Und Beckmann interessiert sich offenbar insbesondere dafür, als einfühlsamer Gesprächspartner zu gelten – was ob der zur Schau gestellten Empathie gehörig nervt.

          Ärgerliche Einspieler

          Was ärgerlich bei Anne Will ist: Ihre Einspieler stimmen nicht. Eigentlich sollen sie eine Diskussion strukturieren und in aller Kürze Fakten liefern, die das Verständnis steigern. Wills Einspieler verwirren, müssen hinterher erklärt und korrigiert werden. Erhellend sind sie nicht. Das ist aber eine Unsitte, die es in nahezu allen ARD-Formaten gibt, sei es bei Sportübertragungen oder in der Wirtschaftsberichterstattung. Diese Beiträge erwecken allzu oft den Eindruck, die Autoren wollten gar keine Fragen beantworten, sondern Werbefilmchen produzieren. Es war an den Gästen, zu erklären, warum das Rentenniveau im Osten höher als im Westen ist: Weil es dort keine Pensionen gibt und somit Rentner mit höheren Anwartschaften den Durchschnitt heben. So etwas sollte ein Einspieler erklären und nicht der Gast.

          Weniger störend war am Mittwoch, dass die meinungsfreudigen Gäste manchmal abschweiften. Das Thema Rente ist komplex. Da könnte man sich schon einmal fünf Minuten damit aufhalten, ob Leiharbeit zulässig ist, bevor man zu den Folgen der sogenannten prekären Beschäftigung für die Rentenleistungen kommt. Durch Abschweifungen entgeht der Moderatorin zum Schluss ihre Pointe: Eigentlich wollte sie ihre einkommenschwache Rentnerin an die sozialbewusste Textilunternehmerin vermitteln, doch Gregor Gysi zerquatschte ihr den Clou mit der Bemerkung, Deutschland brauche nicht 16 Bildungssysteme, was thematisch sehr weit weg ist von der Rentenpolitik.

          Raum, um Argumente zu entwickeln

          Mit dem Rest konnte man leben. Das hatte damit zu tun, dass Anne Will einige Gäste präsentieren konnte, die Meister der Zuspitzung sind. Otto Fricke ist einer der wenigen FDP-Politiker, bei denen Liberalismus nicht kalt und unsozial wirkt. So bekommt er sogar Applaus, wenn er sagt, dass er eher mal das Unpopuläre sagt und von der Politik erwartet, die Menschen immer wieder an ihren privaten Vorsorgebedarf zu erinnern. Das ist keine Beleidigung für Rentnerin Hannelore Janke, die 33 Jahre als Altenpflegerin schwer gearbeitet und sich auf die Versprechen Norbert Blüms verlassen hat, die Rente sei sicher. Ein Fehler sei das gewesen, meint Fricke, denn Blüm habe damals nicht klar genug gemacht, dass das nur gelte, wenn jemand 45 Jahre lang eingezahlt hat. Frau Janke hätte also vorsorgen sollen - was sie inzwischen selbst so sieht.

          Gregor Gysi ist immer ein Gewinn für Debatten – ob im Bundestag oder im Fernsehstudio. Er kann zuspitzen, ist schnell im Denken und meinungsstark. Der Nutzen von Wills Format wird schnell klar: Sie gibt den Gästen den Raum, ihre Argumente zu entwickeln. So werden die Alternativen klar: Gysis Linkspartei tritt für eine Mindestrente von 1050 Euro im Monat ein, die dadurch finanziert wird, dass die arbeitende Bevölkerung vollständig einzahlen muss (auch Abgeordnete und Selbständige) und die Beitragsbemessungsgrenze aufgehoben wird. Fricke will Altersarmut lindern, indem Rentnern ihre eigene Vorsorge nicht mehr auf die Grundsicherung angerechnet wird.

          Eingeladene Unternehmer fallen ab

          Gegen die Politiker und die Betroffene fallen die beiden eingeladenen Unternehmer etwas ab, weil sich ihr Weltbild weniger differenziert darstellt. Thomas Selter hält Altersarmut für kein aktuelles Problem und verteidigt sich dafür, auch Leiharbeiter einzusetzen, die nicht genug verdienen, um privat vorzusorgen. Sina Trinkwalder gibt die junge soziale Unternehmerin, die ihren Mitarbeiterinnen Vorschüsse und freie Nahverkehrsfahrten gewährt und mehr als das Mindestlohnniveau bezahlt. Beide haben mich etwas angestrengt: Frau Trinkwalder, weil sie mit ihren drei Jahren Erfahrungen als Unternehmerin ziemlich hochmütig aufgetreten ist und Selter für Dinge angreift, die ihr noch nicht widerfahren sind: nämlich, dass man in einer Unternehmenskrise umdenken muss. Selter, weil er so gar nicht über die Folgen der modernen Arbeitswelt zu diskutieren bereit ist.

          Aber auch sie tragen zum besseren Verständnis der Rentenproblematik bei.
          Kurzum: Wenn die ARD doch eines Tages erkennen sollte, dass Dokumentationen und Reportagen ihrem Informationsauftrag eher gerecht werden (auch wenn sie viel teurer sind) als das allabendliche Gebabbel, dann sollte Anne Will bleiben dürfen.

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