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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will : Annes Pokal-Club

Anne Will Bild: dpa

Pokalblamage der medialen Art: „Anne Will“ versucht sich am Plagiat von Waldemar Hartmanns Fußball-Plauderrunden und scheitert kläglich - weit unterhalb von Stammtischniveau.

          2 Min.

          Irgendwann gab es dann doch einen Satz, der im Umfeld von Plattheit und Dummheit aufhorchen ließ. Toni Schumacher gab ihn gegenüber seiner Gastgeberin Anne Will zum Besten. „Wenn Sie die Beste sein wollen, dann müssen Sie was investieren, Sie können nicht die ganze Woche herum sitzen und dann schütteln sie die Sendung aus dem Ärmel. Das geht nicht.“ Tatsächlich ging es nicht am Mittwochabend.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Ansatz der „Anne Will“-Sendung mit dem angeblichen Thema „Geld oder Leidenschaft – wer regiert die Fußball-Welt?“ (ein „was“ hätte korrekterweise in der Frage stehen müssen, aber über solche Kleinigkeiten brauchen wie uns kaum aufzuregen nach dieser vergeudeten Nachtstunde) war simpel: Zuvor übertrug die ARD das DFB-Pokalspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München. Die Millionen Zuschauer sollten mit dem Thema am Fernsehgerät gehalten und somit zur Rettung der Talkshow-Quote noch weitere 75 Minuten bei der ARD gehalten werden.

          Vorbild? Waldemar Hartmann und sein „Waldis EM-Club“
          Vorbild? Waldemar Hartmann und sein „Waldis EM-Club“ : Bild: dpa

          Das Vorbild der Sendung gibt es bei Länderspielen und Welt- oder Europameisterschaften und nennt sich dann beispielsweise „Waldis WM-Club“. Das ist eine unerträgliche Sendung in einem Ambiente-Mix aus bajuwarischem Wirtshaus und Aprés-Skihütte mit Hefeweizen, Waldemar Hartmann und fast immer mit Matze Knop. Im Vergleich zu „Annes Pokal-Club“ ist der bierselige Stammtisch freilich eine Qualitätssendung mit einem gewissen Recht auf den Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

          Nicht der Ansatz eines Gedankens

          Jener Hartmann, natürlich mit Weizenbier in der Hand, war schließlich neben Toni Schumacher noch der erträglichste Gast in einer Runde geistloser Fußball-Schwätzer, die das ohnehin diffuse Thema nicht einmal im Ansatz mit einem Gedanken auf einem Niveau oberhalb der Grasnarbe touchierten.
          Hartmann brachte in die Plauderrunde wenigstens die für diesen Abend erstaunliche Erkenntnis ein, „dass ohne Leidenschaft ein hervorragender Fußballer unmöglich wäre“.

          Taktikfuchs und Trainerpersönlichkeit, aber für eine Diskussion auf Meta-Ebene eher ungeeignet: Udo Lattek
          Taktikfuchs und Trainerpersönlichkeit, aber für eine Diskussion auf Meta-Ebene eher ungeeignet: Udo Lattek : Bild: dapd

          Und Schumacher beschrieb seine Haltung zum Spiel, das ihm neben Meisterschaften und Pokalsiegen vor allem auch allerhand schwere Verletzungen einbrachte, mit einem aufrichtigen Satz: „Uns Fußballern geht es darum, dass am Ende der Karriere Titel auf der Autogrammkarte stehen.“

          Beleidigung für Kabarettisten und Fans

          Der Kabarettist Serdar Somuncu (Wassertrinker) bewies hingegen, dass das angeblich Anarchische am Dasein als Fan von Borussia Mönchengladbach selbst in der Stunde einer bitteren Niederlage im Elfmeterschießen weder bewunderns-, noch bemitleidenswert ist. Seine Sätze wie „Bayern ist eine Mannschaft der Verräter“ die „Instant-Erfolge ohne Seele“ erringen, hat mangels jeder Kreativität sowohl den Berufsstand des Kabarettisten als auch die Reputation eines jeden Fußballfans beleidigt.

          Der Linken-Bundestagsabgeordnete Diether Dehm (Rotwein) hat so viel Unsinn weit unterhalb von Stammtischniveau über das Spannungsverhältnis zwischen Fußball und Kommerz und den angeblichen Teufel Uli Hoeneß verbreitet, dass wir ihn hier verschweigen müssen.

          Diether Dehm: viel Unsinn weit unterhalb von Stammtischniveau
          Diether Dehm: viel Unsinn weit unterhalb von Stammtischniveau : Bild: Hagmann, Roger

          Udo Lattek (Weißwein) kann natürlich über Taktik, Trainerpersönlichkeiten , Transfergerüchte und Personalpolitik reden, ist aber für eine Diskussion auf einer Meta-Ebene – und das wollte die ARD den Fußballfans bieten - völlig ungeeignet. Eine gewisse Esther Sedlaczek, die uns bei Sky bislang noch nicht auffiel als Fußballfachfrau, verbreitete Plattitüden wie: „Fußball ist einfach ein Riesengeschäft geworden.“

          Und Anne Will, die einmal als Sportschau-Moderatorin ihre Laufbahn begann, stellte tatsächlich zur Überleitung vom Pokalspiel zu ihrer eigenen Sendung die unfassbar sinnentleerte Frage: „Ist das eine faire Angelegenheit mit dem Elfmeterschießen?“

          Wo war „Debakles“?

          Immerhin blieb uns Otto „Debakles“ Rehhagel erspart, der ja sonst jedes scheinbar gesellschaftliche Ereignis in der Hauptstadt (und als solches dürfte der Goethe-Rezitator vermutlich auch Anne Wills in Berlin produzierte Sendung einstufen) fernab des Hertha-Trainingsplatzes zu genießen scheint. Vermutlich hat das Team von Anne Will den Gast nicht aus dem Ärmel geschüttelt. Danke immerhin dafür.

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