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FAZ.NET-Fernsehkritik : Wer nicht wägt, der nichts gewinnt

Bizarr und überzogen: Die Kritik der „Beraterin“ Gertrud Höhler an Angela Merkel lässt sich mit ein paar sachdienlichen Hinweisen entkräften Bild: dpa

Bei Günther Jauch gibt sich Angela Merkels derzeit steilste Kritikerin fast moderat. Ursula von der Leyen und Lothar de Maiziere widersprechen Gertrud Höhlers Thesen über die „Patin“ heftig, doch unaufgeregt. Genau so gibt sich die eiserne Kanzlerin zuvor im „Sommerinterview“ der ARD.

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          Die Redakteure von Günther Jauchs Talkshow dürften vor der Sendung gerade noch rechtzeitig gelesen haben, was Gerd Langguth im „Spiegel“ über Gertrud Höhler schreibt. Die ehemalige Literaturprofessorin vertritt dieser Tage nämlich ihr Buch „Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut“ in der Öffentlichkeit und zehrt dabei auch von dem Titel „Beraterin“ - Beraterin Helmut Kohls, des sechzehn Jahre lang regierenden Bundeskanzlers und prägenden CDU-Politikers des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mumpitz! Sagt Langguth, um ihn etwas überspitzt und verkürzt wiederzugeben: Weder Beraterin Kohls noch Ministerkandidatin sei Gertrud Höhler je gewesen. Der ehemalige RCDS-Vorsitzende, CDU-Bundestagsabgeordnete, Grundsatzprogrammkommissionist, Adenauer-Stiftungs-Vorstand und Professor, der zu Kohl, Schröder und Merkel publiziert hat, muss es vielleicht wissen.

          Kohl hatte Werte, Merkel hat keine?

          So erschien Gertrud Höhler bei Jauch nur als „Beraterin“. Wen oder was sie berät, blieb offen. Das ist insofern von Belang, als Gertrud Höhler bei ihrer Kritik an Angela Merkel auch auf Kohl rekurriert. Der – um es wiederum stark zu verkürzen – stand noch für Werte, Angela Merkel steht für deren Vernichtung. Wobei ein besonderer Wert christdemokratischer Politik in den Augen von Gertrud Höhler offenbar die Atomkraft ist. Sich von dieser abgewendet zu haben, erscheint somit als besonders gravierender Werte-Verrat.

          Umgekehrt würde wohl eher ein Schuh daraus: Wie konnte die Union, die sich die Bewahrung der Schöpfung aufs Banner geschrieben hat, je zur Atompartei werden? War nicht das ein Werte-Verrat erster Ordnung, den gerade Konservative beklagen müssten und von dem die immer mehr verspießbürgernden Grünen seit dreißig Jahren zehren? Da ist es doch gar nicht so ungeschickt, auf dem Absatz kehrt zu machen. Und hat nicht Helmut Kohl zu seinen Zeiten die CDU dermaßen dominiert, bis sich nichts und niemand mehr rührte? War diese Partei unter Konrad Adenauer ein wilder Debattierclub? Diese berechtigte Frage gestattete sich zwischendurch Lothar de Mazière, was natürlich eine besondere Pointe ist. Wohingegen der ZDF-Moderator Wolfgang Herles es für problematisch hält, dass Angela Merkel die „Bonner Republik“ nicht kennt.

          Der Kanon der Union - abgehakt

          Doch es stimmt natürlich, dass Angela Merkel eine Politikerin ist, die umkehrt, wenn die Situation es günstig erscheinen lässt, und dass dabei viele und vieles aus der Kurve fliegen. Atomkraft, Wehrpflicht, dreigliedriges Schulsystem – alles mal im Kanon der Union, alles abgehakt. Wofür es aber bei genauerem Hinsehen auch Gründe gibt, über die wiederum die Union allerdings kaum je diskutiert. Dazu wird die Partei wohl erst kommen, wenn sie alle Wahlen verloren hat und SPD und Grüne sämtliche Ministerpräsidenten und die Koalition im Bund stellen.

          Solange es noch Chancen gibt, Wahlen zu gewinnen, schlägt die CSU ein wenig aus, allerdings auch nur mit Blick auf die vermutete Seelenlage ihrer Wähler; ansonsten marschieren alle mit, etliche mit der Faust in der Tasche. Was bei den Sozialdemokraten sich ganz genauso verhielt. Die Genossen haben sich von der Agenda-2010-Politik Gerhard Schröders erst abgewendet, als der Kanzler Geschichte und Berater von Gazprom war.

          „Die Fremde aus Anderland“

          So atypisch und aus der politischen Art gefallen oder nachgerade pervers ist das Verhalten von Angela Merkel also nicht. Und es ist vor allem nicht leicht als quasi-dikatatorisch zu beschreiben, wie Gertrud Höhler es tut. „Die Patin“, die „Fremde aus Anderland“, die Täterin, die auf so natürliche Weise (qua Herkunft) für die „lautlose Sprengung“ der Pfeiler qualifiziert ist, auf denen Europa ruht, die gar nicht so genau weiß, was Demokratie ist und was Freiheit bedeutet.

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