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FAZ.NET-Fernsehkritik : Wenn Bohlen auf ältere Mädels steht

Die Jury: Andre Sarrasani, Ruth Moschner und Dieter Bohlen Bild: dpa

Nun sucht RTL also das „Supertalent“. Nach dem Erfolg von DSDS legt der Sender eine weitere Casting-Show nach. Natürlich saß wieder Dieter Bohlen in der dreiköpfigen Jury. Die Zuschauer sollten also wissen, was auf sie zukommt. Und das war genau das Problem. Von Marco Dettweiler.

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          Die Bild-Zeitung hatte - wie üblich - vor der Show gewarnt: „Schockierende Szenen!“ Sogar Dieter Bohlen selbst sei entsetzt über seine eigene Show. „Ich konnte da gar nicht hinsehen, es war schrecklich. Ich wollte aufstehen und die Sendung abbrechen lassen.“ Er hat es nicht getan, er hätte es gar nicht tun müssen und er hätte es auch nicht tun können. Schließlich musste er gegen Ende der Sendung seinen Schützling Mark Medlock noch auf dem Flügel begleiten, weil der Superstar-Gewinner Bohlens neuen Schmalz-Ballade „Unbelievable“ in einer Weltpremiere vorstellte. Als Zuschauer hat man sich einen Abbruch verschiedenster RTL-Shows zwar schon häufiger gewünscht. Doch die Show war in jeder Hinsicht äußerst harmlos. Und das war ihr Problem.

          RTL versteht es mittlerweile gekonnt - wohl aufgrund der Erfahrung des Senders mit Casting-Shows und der unzertrennlichen Zusammenarbeit mit Haus-Jurymitglied Dieter Bohlen - solche Shows professionell zu inszenieren. Bei „Deutschland sucht der Superstar“ durfte man lange trainieren. Neben den neun Live-Shows sorgten die Best-of-Casting-Beilagen für garantierte Einschaltquoten. Schon dort tobten sich die Sendungsmacher filmisch aus. Ihr Konzept der Präsentation der Castingaufnahmen: Viel Emotion und Dramatik mit möglichst vielen Effekten.

          Auch die 75 Minuten „Supertalent“ waren vollgepackt mit Kameraschwenks- und fahrten, Zeitlupe, Nahaufnahmen, Soundeffekten, Zwischenschnitten auf die Gesichter der Jurymitglieder und auf feuchte Augen ergriffener Zuschauer. Jubelszenen, den Gang zur Bühne oder die Enttäuschung über das Ausscheiden begleitete RTL bei den Kandidaten mit bekannten Songs von Coldplay, Robbie Williams oder Aretha Franklin.

          Überraschungsfreie Masche

          Um solch einen stramm geschnittenen, kompakten Samstagabend-Videoclip fertig stellen zu können, benötigt man viel langweiliges Rohmaterial. Daher wäre eine Live-Sendung - wie es etwa bei den Superstars noch der Fall war - mit Auftritten vermeintlicher Supertalente im Berliner Schillertheater ein dramaturgisches Risiko gewesen. Was sich die Macher von diesem Konzept versprechen, ist klar: Weil die Sendung erst im Schneideraum entsteht, haben die Verantwortlichen alles in der Hand. Was der Zuschauer sieht, ist bis ins Kleinste streng durchkomponiert. Bei Filmen ist das ein künstlerisches Verfahren ist, bei einer Samstagabend-Show wird es zu einer überraschungsfreien Masche. „Das Supertalent“ wirkt so glatt inszeniert, dass man als Zuschauer sogar daran zweifelt, ob die Auftritte selbst nicht auch inszeniert waren.

          So etwa bei der Gesangseinlage des 67 Jahre alten Pizzabäckers Gino. Vor dem Auftritt erfahren die Zuschauer, dass „es seine letzte Chance ist“. Gino singt gerne Arien, hätte das auch gerne beruflich getan, doch seine Familie war zu groß und arm. Der Pizzabäcker legt los. Er singt hörbar miserabel. Die Jury kennt keine Gnade. Sie schickt ihn nach Hause. Eigentlich. Doch Bohlen hakt plötzlich nach. „Mensch, Junge, warum hast du nicht Caruso oder so was gesungen?“ Gino lässt sich nicht lange bitten und fängt an, eine Arie zu singen. Die Jury unterbricht ihn, gibt ihm die zweite Chance. Gino überzeugt daraufhin Jury und Zuschauer. Der Pizzabäcker ist eine Runde weiter.

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