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FAZ.NET-Fernsehkritik : „Und, was ist jetzt mit den „Scheiß-Deutschen“?

Hat seine Sache wieder mal gut gemacht: Moderator Frank Plasberg Bild: dpa

Um Jugendkriminalität, Ausländerkriminalität und um eine Schweigespirale ging es in Frank Plasbergs Talk und Schlagabtausch „Hart aber fair“. Hessens Landeschef Roland Koch durfte sich als Punktsieger fühlen, die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries nicht.

          Der Pädagoge sagte irgendwann, er finde die Debattenkultur „zum Kotzen“. Er meinte das Parteiengeholze zum Thema dieser Runde, dabei war das gar nicht so schlimm, wie es unter einer Überschrift wie „Jung, brutal und nicht von hier“ hätte sein können. Bei „Hart aber fair“ und Frank Plasberg geht es nämlich hart, aber fair, also höflich, sachbezogen und an Erkenntnis orientiert her, auch wenn es um Jugendkriminalität und Kriminalität unter Jugendlichen aus Einwanderer-Familien geht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Thema an sich polarisiert und der Politiker, der es im Augenblick in der Debatte hält, der hessische Ministerpräsident Roland Koch, tut es auch. Doch deshalb, und da möchten wir dem Leiter der Jugendhilfestätte Raphaelshaus in Dormagen, Hans Scholten, widersprechen, ist die Debatte nicht „zum Kotzen“. Sie mag einem aus vielerlei Gründen übel aufstoßen, etwa weil sie jetzt vornehmlich aus Wahlkampfkalkül läuft, aber sie ist trotzdem notwendig und - überfällig.

          Ist Ausländerkriminalität ein gutes Wahlkampfthema?

          Wie notwendig oder überfällig, das war Plasbergs Eingangsfrage. Die der türkischstämmige Grünen-Politiker Özcan Mutlu partout nicht beantworten wollte. Dabei war die Aufgabe, die ihm der Moderator stellte, ganz einfach: Ist Ausländerkriminalität ein gutes oder ein schlechtes Wahlkampfthema? Weil Mutlu aus seiner Haut nicht hinaus konnte, wand er sich, wies die Frage zurück und sagte sein im Laufe der Sendung mehrmals zu hörendes Mantra auf: Roland Koch spaltet die Gesellschaft.

          Mag ja sein, war aber nicht die Frage, die Plasberg dann selbst beantworten musste: Ausländerkriminalität ist ein gutes Wahlkampfthema, denn es ist eines, das die Menschen bewegt. Und zwar alle, in der einen oder anderen Art und Weise, ob sie Parteigänger von Roland Koch sind oder nicht. Das zeigt jede Umfrage, sei es eine repräsentative oder eine zufällige in der U-Bahn, wie bei Plasberg eingespielt, und jede Debatte tut es auch, sei es im Studio oder anschließend unter den Zuschauern im Chatroom von „Hart aber fair“. Viermal mehr Anrufe, drei Mal mehr Mails als sonst gingen ein. Als die Redaktion ihr Gästebuch gestern Abend um 23.42 Uhr schloss, fanden sich dort 372 Einträge.

          „Wir müssen differenzieren“

          Also führt der Vorwurf, dass wir jetzt nur über dieses Thema sprechen, weil Wahlkampf ist, nicht weit. Im Umkehrschluss gilt nämlich: Wäre nicht Wahlkampf, hätte sich für den brutalen Überfall in der Münchner U-Bahn niemand interessiert außer die „Bild“-Zeitung. Der Übergriff in Frankfurt-Heddernheim wäre nur in der Lokalpresse gelaufen. Und für die gleichartige Tat dreier junger Männer, auf die Plasberg zu Beginn der Sendung referierte, gilt nichts anderes. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die Plasberg darauf ansprach, schien - nach einer Schock-Sekunde - regelrecht erleichtert zu sein, dass einer der drei in dieser Meldung Genannten ein Deutscher war. Denn ihr Credo des Abends lautete: Wir müssen differenzieren. Und dafür haben wir Statistiken und das Jugendstrafrecht.

          Dabei haben wir bei diesem Thema, daran musste Plasberg bei dieser Gelegenheit einfach erinnern, nicht einmal Redefreiheit. Denn der Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch, dessen Abteilung sich um die rund fünfhundert jugendlichen Intensivtäter in der Hauptstadt kümmert, bekam von seinem Vorgesetzten einen Maulkorb verpasst und durfte in die Sendung nicht kommen. Die Justizministerin hat damit kein Problem: Der Richter ist Beamter, für ihn gilt das Dienstrecht, wenn er sich öffentlich äußern will, braucht er eine Genehmigung, basta. Dass ihm diese mit der Begründung verweigert wird, dass er eine abweichende Meinung vertritt, steht auf einem anderen Blatt.

          Für Roland Koch lief es gut

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