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FAZ.NET-Fernsehkritik : Sollen Schüler Hitler lesen?

Die ARD-Moderatorin Anne Will Bild: dpa

Bei „Anne Will“ ging es um Hitler und um die Frage, ob dessen Hetzschrift „Mein Kampf“ demnächst in der Schule behandelt werden soll. Wer auf Antworten hoffte, hoffte vergeblich.

          3 Min.

          Die Talk-Show begann in bester Boulevard-Manier mit einem schrecklichen Verdacht: Bayern will Hitlers „Mein Kampf“ in der Schule lesen lassen. Hintergrund: Das Copyright für das Buch läuft Ende 2015 aus, der Freistaat Bayern als Rechteinhaber hat angekündigt, eine kommentierte Ausgabe vorzubereiten. Darf man das? Ist gar Geschäftemacherei damit verbunden? Treibt man die Jugend nicht den Neonazis in die Arme? Wird das braune Machwerk am Ende gar erneut ein Bestseller?

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          „In die Schulen gehört es nicht“, befand die Journalistin Wibke Bruhns gleich in der ersten Runde. Begründung? Weil. Doch schon, damit es auf das heruntergesetzt wird, wo es wirklich hingehört, konterte erwartungsgemäß der CSU-Politiker Norbert Geis. Ihm hatte man als politischen Widerpart Volker Beck von den Grünen gegenübergesetzt; dazu den türkischen Kabarettisten Serdar Somuncu, der mit Lesungen aus „Mein Kampf“ durch die Lande gezogen ist. Der ZDF-Literaturmann Wolfgang Herles und die Familientherapeutin Gabriele Baring, die mit Opfern des Weltkriegs und ihren Familienangehörigen arbeitet, ergänzten die Runde.

          Zunächst musste man sich zurechtrütteln und sich gegenseitig versichern, man kenne das Buch, es sei ein „schreckliches Pamphlet (Bruhns), es sei „langweilig , ein Vorwort genüge, kommentiert müsse da gar nichts werden, man mystifiziere das Buch mit solchen Diskussionen wie diesen nur weiter (Herles), man könne es der Jugend schon zutrauen (Somuncu), man sollte cooler damit umgehen, da es von „magischer Langeweile und geistiger Dürftigkeit“ geprägt sei (Beck).

          Als das geklärt war, tauchte aus dem Tal der Ahnungslosen Frau Baring auf: Man wisse im übrigen gar nicht welche Leute das seien, die diese Kommentare schrieben. Doch, doch, sagt Geis sanft, das sei das Institut für Zeitgeschichte. Aber die Gattin von Arnulf Baring legte nach. Auch anderswo sei ja „faschistisches Gedankengut“ publiziert, Gudrun Ensslin und Ezra Pound – dem werde „ja auch einiges nachgesagt“. Das kam dem Kabarettisten gerade recht. Dieses Gerede sei ja alles wieder „symptomatisch für unsere Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“.

          Kurz vor dieser Grundsatzdebatte, deutete er auf eine Ausgabe des Buchs mit Goldschnitt, die auf Wills Beistelltischchen lag. Die werde für 23.000 Euro im Netz gehandelt, wusste Somuncu kennerisch. Darauf die Moderatorin schnippisch: „Die gebe ich nicht her, meine Damen und Herren, das ist nicht zu verkaufen.“

          Zu verkaufen ist das Buch nicht, aber in allen Weltsprachen im Internet lesbar. Und die Neonazis, die ein Zuspieler in Berlin zeigte, der damit die Diskussion in schöner Zuverlässigkeit abwürgte, fänden es im Sinn der Meinungsfreiheit auch nur korrekt, wenn es unkommentiert veröffentlicht würde. Zwanzig Prozent der Deutschen seien latent antisemitisch, so Geis. Vorsicht, sprach Herles, mit der Argumentation falle man zurück in uralte Positionen; Hitler war an allem allein schuld – der Verführer des Deutschen Volkes.

          Beeindruckende Selbstgefälligkeit

          Blieb immer noch die Schulfrage – und der Verdacht, die Lehrer wären mit der Vermittlung des Buches überfordert. Die Schüler aber seien neugierig darauf, manche gar empfänglich, das hat Somuncu im Verlauf seiner sechsjährigen Tour durch mehr als tausend deutsche Schulen erlebt. Am Ende habe er gedacht, „ich bin Hitler“. Mit seinen Erzählungen bewies der Türke, dass er Zivilcourage hat, aber auch eine beeindruckende Selbstgefälligkeit („Ich als Künstler“, „Ich bin der einzige, der Hitler vorlesen darf“). Man wünschte sich den seligen Helmut Qualtinger herbei, der ihn mit einem durchbohrenden Blick zum Schweigen gebracht hätte. Qualtinger hat auch aus „Mein Kampf“ vorgelesen, aber klugerweise darauf verzichtet, daraus eine vordergründige Witznummer zu machen.

          An der Stelle war das Thema des Abends durch, man wandte sich anderen sich gern genommenen Ansagen zu. Etwa der Verteidigung des Rechtsstaates im Allgemeinen (Beck), der „German disease“ “ (Baring), der Täter-Opfer-Problematik und der Zurechtweisung des Gesprächspartners: Jetzt lassen Sie mich auch mal ausreden. Und schon lieferte Frau Baring wieder eine passende Steilvorlage: „Mit Unterbrechungen ist das immer so ne Sache. Ist ja auch ne Form von“. – Das nutzte Somuncu zur Attacke. Sie müsse sich Unterbrechungen schon gefallen lassen, man sei hier in einer Talk-Show. Aber nicht in einer Unterbrechungstalkshow, erwiderte die Konsternierte. Anne Will grätschte endlich dazwischen, als sie merkte, dass die Harmonie ins Rutschen kam.

          Aber der Misston war drin.Wibke Bruhns sprach nun von den „schuldigen Opfern“, die alle Deutschen gewesen seien. Auch Frauen und Kinder? „Ja, natürlich, alle!“ Darauf Geis: „Sie können Kinder nicht als ,schuldige Opfer’ bezeichnen, Frau Wibke Bruhns!“

          Vorwurf der „politischen Trivialität“

          Und immer so weiter, bis das Stück zum Höhepunkt gelangte, als Geis – nach einem erneuten Zuspieler – dazu animiert wurde, noch einmal zu der bald zehn Jahre zurückliegenden Affäre um die den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann Stellung zu nehmen, was er in der gewohnten Manier pro Hohmann erledigte.

          Da platzte Beck mit dem unschönen Vergleich heraus, Geis rede mit einer „politischen Trivialität“, die an „Mein Kampf“ erinnere. Da knisterte noch einmal die Luft. Ein solcher Anwurf, das erkannte die Moderatorin sogleich, bedurfte einer Rücknahme oder Entschuldigung, sonst wäre es zum Duell gekommen. Beck nahm ihn also zurück, unterstrich seinen Akt aber mit einer wegwerfenden Handbewegung und der Begründung, er sei in so vielen Talkshows zusammen mit Norbert Geis.

          Das sagte dann doch sehr viel mehr als erwartet – weniger über das Thema, wie mit Hitlers mein Kampf umzugehen sei, aber mehr über die sogenannte politische Kultur, wie sie in Talkshows aufgeführt wird.

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