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FAZ.NET-Fernsehkritik : „Seit 196 Tagen Gefangener von RTL“

Trittbrettfahrer Stefan Raab Bild: dpa

In Sachen historischer Feinfühligkeit schwimmt Stefan Raab auf einer Welle mit Günther Oettinger - und erlaubt sich die denkbar größte Geschmacklosigkeit. Um den RAF-Terror ging es auch bei Maybrit Illner. Die wirkte wie die brünette Version von „Sabine Christiansen“, meint Michael Hanfeld.

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          Stefan Raab ist ein Trittbrettfahrer. Übelmeinende könnten auch sagen: Aasgeier. Das ist er schon immer gewesen. Oder vielleicht doch eher ein Anarchist oder gar Dissident? Raab hat es zu seinem Geschäft gemacht, die Bastionen anderer zu schleifen, das macht ihm sichtlich Spaß, je uneinnehmbarer die Festung scheint, desto größer ist sein Anlauf.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Raabs populärer Musikwettbewerb „Bundesvision Song Contest“ ist als Gegenstück zu den staatstragenden Liederabenden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entstanden, den Raab und der von ihm promotete Guildo Horn vor ein paar Jahren durcheinandergewirbelt haben. Und Raabs Show bei Pro Sieben lebt seit jeher davon, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Seit ein paar Tagen hat Raab wieder ein schönes Thema, um RTL zu ärgern: Der Abschied von Max Buskohl aus „Deutschland sucht den Superstar“.

          Größte Geschmacklosigkeit

          Dass der junge Berliner Sänger nicht nur bei RTL rausgeflogen ist, sondern auch nicht woanders auftreten darf, macht für Raab die Sache umso reizvoller. Er hat Buskohl in seine Show eingeladen. Für Samstag hat Raab eine Anti-DSDS-Demo angesagt; im Studio hängen Plakate, auf denen „Freiheit für Max Buskohl“ und „Hopp, Hopp, Auftrittsverbot Stopp“ gefordert werden. Origineller würden DGB-Funktionäre den Slogan auch nicht formulieren. Stefan Raab hat seine nächste Kampagne.

          Allerdings hat er sich auch gleich wieder die denkbar größte Geschmacklosigkeit erlaubt: ein Bild, das Max Buskohl vor dem Emblem der RAF zeigt, in welchem die Buchstaben RAF durch RTL ersetzt wurden, und auf dem es heißt: „Seit 196 Tagen Gefangener von RTL.“

          An Verballhornung des Konkurrenzsenders kann man sich ja einiges vorstellen. Dass Max Buskohl auf dem Bild aber hockt wie einst der von den Terroristen der Roten Armee Fraktion entführte und dann ermordete Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer, ist eine Anspielung, die zeigt, dass Stefan Raab in punkto historischer Feinfühligkeit auf einer Welle schwimmt mit Günther Oettinger. Es gibt Raabs RAF/RTL-Buskohl sogar auf T-Shirts.

          Kühl bis ans Herz

          Die wahre RAF war an diesem Donnerstagabend Thema bei Maybrit Illner im ZDF. Und erstaunlicherweise wirkte sie mit „Berlin Mitte“ dieses Mal nicht anders als die brünette Version von „Sabine Christiansen“. Heftig ging die Debatte hin und her, ohne dass es einen Erkenntnisgewinn gegeben hätte. Was allerdings nicht verwunderlich ist, haben sich die früheren Terroristen der RAF doch geschworen, eben nicht zu verraten, wer wen erschossen hat. Dieses Herrschaftswissen lassen sie sich nicht nehmen. Es ist die letzte Macht, die ihnen bleibt, und die spielen sie gegen die Neugier der Gesellschaft und das Anliegen der Hinterbliebenen aus, wissen zu wollen, wer ihre Angehörigen ermordet hat.

          Das hat der frühere RAF-Mann Karl-Heinz Dellwo am Donnerstag im NDR-Magazin „Panorama“ noch einmal unterstrichen, kühl bis ans Herz. In der RAF-Debatte und bei der Frage, ob einsitzende RAF-Leute wie Christian Klar begnadigt werden sollen, ist ja häufig die Rede davon, dass der Staat kein Recht habe, Reue zu fordern, und sich nur „rächen“ wolle. Das Gegenteil ist richtig: Die Killer von damals rächen sich heute, indem sie mit den Ermittlern, den Journalisten und den Angehörigen ihrer Opfer Katz und Maus spielen.

          Michael Buback, Sohn des von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, spielt in diesem Zusammenhang inzwischen eine ganz traurige Rolle. Am Mittwoch bei der ARD, einen Tag später im ZDF, gibt er einen Mittler zwischen Opfern und Tätern, den niemand braucht.

          Die beste Frage liefert ein Zuschauer

          Es gehe um die genaue „Aufklärung“, nicht um die verschwiemelnde „Aufarbeitung“ der RAF-Geschichte, sagte Bernhard Vogel, der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und ehemalige Mainzer Ministerpräsident. Dem ZDF-Journalisten Wolfgang Herles fiel zu dem Thema nur ein Vergleich ein, der leider dem Niveau entspricht, auf dem sein Kulturmagazin „aspekte“ für gewöhnlich herumsendet: 34 Tote in zweieinhalb Jahrzehnten habe die RAF produziert, das seien doch auch nicht mehr als es Verkehrstote an nur einem Wochenende gebe, sagte Herles. Und meinte, die Bundesrepublik hätte mit der Causa RAF so „cool“ umgehen sollen wie Großbritannien mit der IRA in Nordirland. Von diesem „coolen“ Umgang der Briten mit dem IRA-Terror hat außer Herles wahrscheinlich noch niemand etwas gehört. Vielleicht sollte er mal ein paar Wochen im Londoner Studio seines Senders hospitieren. Und ansonsten schweigen.

          Dass Hans-Jochen Vogel, Justizminister zu Zeiten des Bundeskanzlers Helmut Schmidt, in „Berlin Mitte“ den Vorwurf des Grünen-Abgeordneten Christian Ströbele nicht auf sich sitzen lassen wollte, der Staat habe im „heißen Herbst“ 1977 und in den Monaten darauf überreagiert, damit hätte Maybrit Illner eigentlich rechnen müssen. Trotzdem fiel es ihr schwer, die beiden ungleichen Vogel-Brüder Hans-Jochen und Bernhard ausreden zu lassen.

          Die beste Frage des Abends behielt sich die Moderatorin bis zum Schluss auf, und sie wurde ihr geliefert von einem Zuschauer: Der nämlich wollte von Christian Ströbele wissen, ob er in seiner damaligen Eigenschaft als Anwalt von RAF-Terroristen auch - wie andere Verteidiger - Kassiber, also geheime Nachrichten der Inhaftierten, geschmuggelt habe. Was insofern von historischem Belang ist, als die RAF-Spitzenkader noch vom Gefängnis aus ihren Gefolgsleuten Instruktionen für Attentate gaben. Die Art, wie Ströbele, die Frage verneinend aber uneindeutig beantwortete - das sei ihm vor Gericht niemals vorgeworfen worden - sprach Bände. Ehe diese Debatte vorüber ist, wird Max Buskohl drei Dutzend Mal bei Stefan Raab aufgetreten sein.

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