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FAZ.NET-Fernsehkritik : Schuldig in allen Anklagepunkten

Läßt urteilen über Deutschland: Sandra Maischberger Bild: WDR/Volker Roloff

Wo Lafontaine auf Dieter Bohlen trifft: In „Menschen bei Maischberger“ ließ die ARD gestern abend eine „Deutschland-Jury“ über die Lage im Lande diskutieren. Die skurrile Runde aus Talkshow-Veteranen wäre selbst ein Fall fürs Fernsehgericht gewesen. Von Jörg Thomann.

          Dieter Bohlen hat gestern gesagt, daß er sich vorstellen könne, wieder gemeinsam mit Thomas Anders als „Modern Talking“ aufzutreten: „Warum sollten wir das nicht machen, wenn es Spaß macht?“ Bohlen war gestern abend zu Gast im Ersten bei Sandra Maischberger, die sich früher einmal damit brüstete, einen Gast wie Dieter Bohlen ihren Konkurrenten Kerner und Beckmann zu überlassen. Und nun sitzt Bohlen bei Maischberger und redet über „Modern Talking“?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, es war natürlich ganz anders: „Menschen bei Maischberger“ will schließlich Qualitätsfernsehen sein, weswegen Bohlen eben nicht bei Maischberger saß und über „Modern Talking“ redete; das tat er gestern bei RTL. Bei Maischberger hingegen saß er und redete über die Finanzpolitik, über den Mittelstand und über Hartz IV. Und zwar nicht als Musiker und Produzent, sondern als eines von sechs Mitgliedern einer „Deutschland-Jury“, wie die Runde betitelt war. Für eine Erklärung, was es mit dieser Jury auf sich hatte, blieb in den fünfundsiebzig Minuten der Sendung keine Zeit. Bohlen jedenfalls war vielleicht deshalb eingeladen, weil man ihn bei der ARD noch als Jurymitglied von „Deutschland sucht den Superstar“ in Erinnerung hatte, wo das ganz gut funktioniert hat. Oder weil man auch den jüngeren Zuschauern eine Identifikationsfigur bieten wollte: In Maischbergers „Deutschland-Jury“ nämlich war Bohlen mit seinen zweiundfünfzig Jahren das Küken.

          Armer Hans-Olaf Henkel

          Wer sich darüber hinaus für das Gremium qualifizieren wollte, dem wurde ein gehöriges Maß an Erfahrung abverlangt: Wer in seinem Leben weniger als dreihundert Talkshow-Auftritte absolviert hatte, der blieb, so vermuten wir, außen vor. Oskar Lafontaine, Ursula Engelen-Kefer, Hans-Hermann Tiedje, Arnulf Baring und Günter Wallraff nahmen diese Hürde locker: Auf einen von ihnen wird, wer sich regelmäßig durch die Kanäle zappt, an jedem Abend stoßen. Alle zusammen einzuladen, ergänzt noch durch Dieter Bohlen, darauf war vor Maischbergers Team noch niemand gekommen. Doch warum sollten sie das nicht machen, wenn es Spaß macht? Der traurigste Mann an diesem Abend dürfte Hans-Olaf Henkel gewesen sein: Was mochte er, der vermutlich einsam daheim vor dem Fernsehgerät saß, verbrochen haben, daß man ausgerechnet ihn nicht berücksichtigt hatte?

          So saßen also in Maischbergers Studio, das sie selbst gern einen Salon nennt, die Groß- und Vielsprecher dieser Republik und sprachen, wie sie immer sprechen - nacheinander, miteinander und gern auch gleichzeitig. Nur Bohlen sagte nicht das, was er immer sagt, sondern nur das, was er vor etwa einem Jahr ebenfalls bei Maischberger in einer Talkrunde mit Norbert Blüm gesagt hatte. Daß man zum Beispiel den Mittelstand fördern müsse. Wallraff sagte: „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer zahlreicher.“ Lafontaine erwähnte das deutsche Geldvermögen, das 4000 Milliarden Euro betrage, und fragte fünfmal, ob man sich das denn in den Strumpf stecken solle. Man sollte nicht. Der Historiker und Publizist Baring sagte zu den 345 Euro monatlich, mit denen laut Bundessozialgericht ein Hartz-IV-Empfänger auskommen muß: „Ich würde sagen: Mehr ist nicht drin.“

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