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FAZ.NET-Fernsehkritik : Reich-Ranicki macht den Handke

  • -Aktualisiert am

Einspruch gegen die hymnischen Urteile der Jury: MRR und Moderator Gottschalk Bild: dpa

Die Zuschauer rechnen mit einer kleinen Spitze gegen das Fernsehen und einem großen Danke. Doch Marcel Reich-Ranicki entscheidet sich für eine große Spitze, ohne Danke - und gegen den Deutschen Fernsehpreis. Ein Protest von allerhöchster Güte.

          Am Sonntagabend die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im ZDF zu sehen, hieß leider, dank der ausführlichen Vorberichterstattung von Marcel Reich-Ranickis lautem Auftritt nicht mehr überrascht zu sein und der Gala ihre chaotische Entstehung am Samstag wohl nicht anzumerken. Dabei boten noch am Abend der Aufzeichnung die Unberechenbarkeit des Literaturkritikers und die amüsante Planlosigkeit der Veranstalter nach dessen Suada die Lichtblicke einer ansonsten erbärmlich langweiligen Show.

          ZDF-Intendant Markus Schächter begrüßt also am Samstag die Prominenz im Saal. Dass Jürgen Rüttgers als einziger bekannter Politiker zugegen war, spricht nicht für die Strahlkraft des Preises, lässt andererseits aber hoffen, dass seine Kollegen gerade wichtigeres zu tun haben, vielleicht die Finanzkrise lösen (über die sich, was verwunderlich, fast bedauerlich ist, die zahlreich auftretenden Comedians kaum oder leidlich lustig machte). Zu diesem Zeitpunkt hatte der Intendant bereits abseits der Kameras Ehrenpreisträger Marcel Reich-Ranicki gebeten, nicht zu hart mit Medium und Preis ins Gericht zu gehen, wie der Geehrte später verriet.

          Gequengel im Publikum: „Wie lang denn noch?“

          Thomas Gottschalk führt souveräner durch den Abend im Kölner Fernsehindustriegebiet Ossendorf, als die Sendung glauben macht. Aber der Rest ist schrecklich lahm: humorlose Laudatoren geben sich die Umschläge in die Hand, Trophäen werden verteilt und Ausschnitte der nominierten Filmen und der aufgebrezelten Damen im Publikum auf der Leinwand präsentiert. Jeder zweite Preisträger dankt Norbert Sauer von der Produktionsfirma Ufa, jeder dritte nominierte Film spielt in der DDR. Im Publikum quengeln die Leute wie kleine Kinder im Auto - „Wie lang denn noch?“ -, und als die Fernsehköche Johann Lafer und Horst Lichter mit ihren vorbereiteten Gerichten auf die Bühne kommen und allen Ernstes darüber witzeln, dass Raimund Calmund sehr viel isst, stehen die ersten Geladenen auf und verlassen kurz den Saal. Der Gerichte-Sketch wurde am Sonntagabend erst gar nicht gezeigt.

          Zu den wenigen Höhepunkten: Die beiden unermüdlichen Eursosport-Stimmen Sigi Heinrich und Dirk Thiele gewinnen den Preis für die beste Sportsendung des Jahres. Gegen Fußball-Europameisterschaft im Ersten, Olympia im Zweiten, Boxen auf RTL, gegen Johannes B. Kerner, Katrin Müller-Hohenstein und Kai Ebel. Das sitzt. Heinrich weint echte Tränen, solche, die man eher von Sportlern denn von Schauspielern kennt. Wäre es nicht ausgerechnet Fernsehen, würde man es großes Kino nennen.

          Michael Gwisdek, sechsundsechzig Jahre alt, wird zum besten Schauspieler in einer Nebenrolle gekürt und seine Rede über die Last der Altersrollen (er möchte nicht in jedem Film eines natürlichen Todes sterben, sagte er, sondern auch mal vom Pferd geschossen werden), ist vorbildlich originell, aber nachfolgende Preisträger entschuldigen sich lieber für ihre vergleichsweise humorloseren Danksagungen statt sich ein Beispiel zu nehmen. Ingolf Lück glänzt noch damit, die erschreckend schwach besetze Kategorie für die visuellen Effekte vorzustellen und dabei stets von virtuellen Effekte zu sprechen. Als der Gewinner ihn darauf hinweist, lacht er nur hysterisch. Gezeigt wird das im Fernsehen freilich nicht.

          Affront gegen jegliches Qualitätsempfinden

          „Deutschland sucht den Superstar“ wird als beste Unterhaltungssendung ausgezeichnet, und wer auf diesen Affront gegen jegliches Qualitätsempfinden hin den Saal verlässt, verpasst Reich-Ranicki. Der sollte eigentlich erst am Ende der Gala den Deutschen Fernsehpreis für sein sendefähiges Lebenswerk, also für das „Literarische Quartett“ überreicht bekommen, hat aber offenbar keine Geduld mehr. Dass er die Veranstaltung nicht für sehr gelungen hielt, daraus machte seine Mimik zuvor schon keinen Hehl, und so wird diese Preisverleihung einfach vorgezogen. Gottschalk gibt eine gemeinsame Anekdote zum Besten, ein Filmchen mit den bösesten und dabei oft treffendsten Urteilen des Literaturkritikers wird eingespielt und der achtundachtzig Jahre alte Preisträger schließlich ans Pult geholt. Die Zuschauer rechnen mit einer kleinen Spitze gegen das Medium und einem großen Danke.

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