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FAZ.NET-Fernsehkritik : Pflegeheimdiscounter oder 24-Stunden-Standby?

Er war Maischberger: ARD-Wettermann Jörg Kachelmann Bild: WDR/Melanie Grande

In der Sendung „Menschen bei Maischberger“ durfte der nächste Mutterschutzvertreter ran. Jörg Kachelmann fragte: „Wohin mit unseren Alten?“. Manche Talkgäste wussten für sich die Antwort. Doch was soll die Gesellschaft tun? Das Gleiche wie Kachelmann - die Ruhe bewahren.

          Irgendwie war schon vor der Sendung entschieden, dass die „Menschen bei Maischberger“ keine erkenntnisreiche Antwort finden konnten. „Wohin mit unseren Alten?“ könnte auch das Motto eine der nachmittäglichen Endlos-Talkshows mit Vulgärfaktor sein. Vielleicht hätten die Redakteure ein bisschen mehr über die Fragen nachdenken sollen.

          Die Menschen bei Maischberger suchten dagegen Antworten mit entsprechendem Respekt und der nötigen Erfahrung. Das etwas ungeschickt formulierte Thema der Sendung gab dennoch dem Wetter-Kollegen von Kachelmann, Sven Plöger, die Gelegenheit, die Steilvorlage sicher zu verwandeln. Sein Übergang vom Tagesthemen-Wetter zur Sendung: „Mit unserem Alten wissen wir schon, wohin damit.“

          Und da waren die Zuschauer auch schon bei der zweiten Vertretungsstunde für Mutter Maischberger. Wegen ihrer Babypause durfte Wettergott Jörg Kachelmann ran. Wer erst nach einer halben Stunde in die Sendung zappte, hätte glauben können, er sei in einer Runde bei Sabine Christiansen oder Maybrit Illner.

          Urgestein Norbert Blüm hatte einen Disput mit Ulrich Marseille. Der Altersheim-Manager warf dem ehemaligen Sozialminister vor, dass es bei der Alten-Frage schließlich auch um Geld ginge. Doch Blüm war an einer echten Diskussion gar nicht interessiert, entging den Angriffsversuchen, indem er sich wieder seinen bauernschlauen Sprüchen mit Nullinformation widmete. Die Gesellschaft müsse erst einmal dieses Problem mit den Alten annehmen, „ohne Nächstenliebe geht sie zugrunde“. „Ein gutes Herz und eine ruhige Hand“ würden für die Betreuung ausreichen.

          Klavierkonzerte bis Kegelbahnen

          Nun war das Tempo und der Gestus der Runde wieder dort angelangt, wo es am Anfang und am Ende war. Zu Beginn der Sendung durften die frühere Lotto-Fee Karin Tietze-Ludwig und Schauspielerin und Autorin Ilse Biberti in aller Ausführlichkeit berichten, wohin man denn unsere Alten so bringen kann. Gegensätzlicher konnten die Szenarien nicht sein: Die ehemalige Fernsehmoderatorin erzählte von einem Stift in der Nähe von Bielefeld, in dem sie ihre Mutter untergebracht hat. Sie habe das Gefühl, dass „alles Menschenmögliche getan wird“. Ihrer Mutter sei es auch nicht langweilig, von Klavierkonzerten bis Kegelbahnen gäbe es genügend Abwechslung. Das war also die erste Antwort auf die Frage nach der Unterkunft der Alten: Wir bringen sie ins Pflegeheim.

          Die zweite Antwort, und viel mehr Möglichkeiten gibt es momentan auch nicht, gab Ilse Biberti. Sie pflegt ihre Eltern zu Hause. Oder wie Frau Biberti das formuliert: „Ich lebe mit ihnen“. Zwar gibt es Wochen, in denen sie wegen des „24-Stunden-Standbys am Bett“ nicht schlafen kann, aber sie „kann in Ruhe hier sitzen“. Ihr Leben hätte sich zwar „brutal verändert“, aber nur so hätten ihre Eltern die einzige Chance auf einen würdigen Abgang. Kachelmann suchte die Wunde und legt seinen Finger kurz hinein: „Treiben Ihre Eltern Sie nicht manchmal in den Wahnsinn?“

          Im Pflegeheim erstickt

          So weit, so gut. Niemand machte dem anderen Vorwürfe, weil der Zuschauer davon ausgehen konnte, dass es der Mutter von Frau Tietze-Ludwig ebenso gut geht wie den Eltern von Frau Biberti.

          Einer von drei filmischen Kurzbeiträgen holte den Zuschauer dann wieder ganz schnell zurück in die Realität. Eine Frau berichtete vom Tod ihrer Mutter. Diese war im Pflegeheim beim Versuch erstickt, sich aus der gurtartigen Fixierung zu lösen. Solche Todesfälle gibt es wohl häufiger. Markus Breitscheidel, der „Wallraff der Pflegeheime“, bestätigte, dass die Fixierung der Menschen zum Alltag gehöre. Blüm schreckte plötzlich auf und sorgte sich mit Blick in die Kamera um die Zuschauer, die nun glauben könnten, dass jedes Pflegeheim ein Todesurteil sei.

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