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FAZ.NET-Fernsehkritik: NDR Talk Show : Schöneberger spielte nur die zweite Geige

  • -Aktualisiert am

Schöneberger und Meyer-Burckhardt führen gemeinsam das Flaggschiff des NDR Bild: dpa

Das neue Talk-Duo präsentierte sich gestern Abend als ungleiches Paar: Barbara Schöneberger, die sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, ließ sich von ihrem Partner Hubertus Meyer-Burckhardt das Heft aus der Hand nehmen. Doch der Gast mit der geringsten Talk-Erfahrung bewies schließlich, dass der Inhalt wichtiger ist als die Präsentation.

          Ein ungleiches Paar sind die neuen Moderatoren der NDR Talk Show. Barbara Schöneberger, blondes Gift und bekennende Schaumlöfflerin, und Hubertus Meyer-Burckhardt, preisgekrönter Filmproduzent und Hochschullehrer, führten gestern Abend erstmals gemeinsam das Flaggschiff des norddeutschen Talks. Meyer-Burckhardt kehrt damit auf ihm vertrautes Terrain zurück.

          Bereits von 1994 bis 2001 war er, zusammen mit Alida Gundlach, Gastgeber der Sendung. Dort hatte er im Jahr 1999 eine junge, aufstrebende Moderatorin in der Show - Frau Schöneberger. Diese wollte, damals mit zwei Sendungen auf unbedeutenden Sendeplätzen im Privatfernsehen vertreten, den Moderatorenberuf „trainieren“, bis sie „es ein bisschen besser kann.“ Seither hat sie auch unzweifelhaft ihren eigenen Stil entwickelt. In der gestrigen öffentlich-rechtlichen Gesprächsrunde hielt sie den jedoch unter Verschluss. Und spielte so nur die zweite Geige.

          Immer wieder waren die Unterschiede des Duos deutlich zu sehen. Barbara Schöneberger, von ihren Fans als energiegeladene Quasselstrippe geliebt, setzte - ganz entgegen ihrer Stärken - auf ruhige, sachliche Gesprächsführung. Doch diese Art ist nicht ihre Paradedisziplin. Streckenweise wirkte sie steif, von ihrer Schlagfertigkeit und Spontaneität war wenig zu sehen. Während die restliche Gesprächsrunde über unvermittelte Pointen laut lachte, kam sie lange über ein Lächeln nicht hinaus. Die Frau, die sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, talkte sichtlich mit angezogener Handbremse.

          Hat ihren eigenen Stil: Barbara Schöneberger

          Freundliches, aber belangloses Geplauder

          Hubertus Meyer-Burckhardt ging hingegen gewohnt souverän ans Werk. Ob im Schlagabtausch der Zitate zum Thema Ehe mit Talkgast Jürgen von der Lippe oder im ernsten Gespräch mit Lothar Kanneberg, Gründer des einzigen Trainingscamps für straffällige Jugendliche in Deutschland - Meyer-Burckhardt fand den richtigen Tonfall. Auch scheute er sich nicht, in Frau Schönebergers Gespräch einzuhaken, um bei den Fragen, die ihm wichtig schienen, nachzusetzen. Ungewöhnlich ist das bei einem Moderationsduo natürlich nicht. Verwunderlich war jedoch, mit welcher Leichtigkeit er seiner Partnerin jeweils das Heft aus der Hand nehmen konnte. Barbara Schöneberger lässt sich sonst nicht so leicht das Wort abschneiden.

          Was nicht zusammen mit den neuen Moderatoren kam, das war ein neues redaktionelles Konzept der Sendung. Auch wenn Volker Herres, Programmdirektor des NDR, ein Format versprach, dessen „journalistischer Anspruch hoch ist“, so blieb die NDR Talk Show doch weitgehend beim freundlichen, aber belanglosen Geplauder, das bereits unter den frisch abgelösten Moderatoren Julia Westlake und Jörg Pilawa etabliert war. Auch das Duo Schöneberger/Meyer-Burckhardt forderte seinen Gästen kaum mehr ab.

          Der Inhalt ist wichtiger als die Präsentation

          Stefanie Hertl und Stefan Mross, Vorzeigepaar der deutschen Volksmusik, waren - wie immer - herzlich, verliebt und bodenständig, das TV-Koch-Duo Horst Lichter und Johann Lafer Dank seiner originellen Mischung gewohnt kurzweilig, das Gespräch mit Schauspielerin Rosel Zech mühsam, Moderatorin Birgit Schrowange unauffällig. Auf die Astrologie-Künste von Hermine-Marie Zehl hätte man trotz der Geburtsstunde der Sendung gut verzichten können, obwohl dann auch die humorvolle Satire des Kartenlegens durch Jürgen von der Lippe entfallen wäre. Der Liedermacher und Kabarettist war unverzichtbar, zumindest für Barbara Schöneberger. Denn zwischen den beiden Entertainern stimmte die Chemie. Im Gespräch mit ihm war Frau Schöneberger deutlich ungezwungener, ihr Talk lockerer. Wie schade, dass dieser Dialog erst gegen Ende der Sendung in Fahrt kam.

          Zwischen all den leichten bis seichten Themen machte nur Talkgast Lothar Kanneberg die Ausnahme. Der Ex-Boxer und Streetworker, dessen Trainingscamp und -methoden durch die aktuelle Debatte um Jugendgewalt im Fokus der Öffentlichkeit stehen, war zwar bereits in den vergangenen Wochen in den Medien dauerhaft präsent, verlieh aber der Sendung zeitweise die seit längerem von Kritikern eingeforderte „inhaltliche Relevanz“. Der Gast mit der geringsten Talk-Erfahrung brachte somit das gewichtigste Thema ein. Womit bewiesen wäre, dass der Inhalt wichtiger ist als die Präsentation. Die neue NDR Talk Show hat ebenfalls demonstriert, dass angeborenes Plaudertalent nicht ungestraft beschnitten werden kann.

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