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FAZ.NET-Fernsehkritik : „Moral hört sich ja immer nach Strickstrumpf an“

  • -Aktualisiert am

Domenica entlarvte so manche Sprechblase Bild: picture-alliance / dpa

„Hure - ein ganz normaler Beruf?“ - Der Versuch Sandra Maischbergers, das Prinzip lärmender mittäglicher Talkshows mit dem abendlicher Gesprächsrunden zu vereinen, ging gründlich schief. Die frühere Prostituierte Domenica dominierte die Debatte. Von Lisa Nienhaus.

          Gut, dass auch Domenica bei „Menschen bei Maischberger“ eingeladen war. Denn wer über Huren spricht, sollte auch einmal mit einer sprechen, die sich jahrelang als eine solche bezeichnete. Während Sandra Maischberger also entnervt versuchte, eine Struktur in die wirren Studiogespräche zum Thema „Hure - ein ganz normaler Beruf?“ zu bringen, redete Domenica frei weg von der Seele, als säße sie daheim beim Kaffeeklatsch.

          Sie befragte fix einmal jeden weiteren Studiogast - ob Bordellbesitzer, Hure oder Polizist -, gab hintereinander mit lauter, rauher Stimme die abstrusesten Erlebnisse aus ihrer Zeit als Prostituierte zum Besten, schimpfte auf die immer größere Gewalt von Freiern, um dann mit Weisheiten zu schließen wie: „Moral hört sich ja immer nach Strickstrumpf an.“

          „Deutschlands prominenteste Ex-Hure“

          Domenica zu sehen war ein Ereignis. Unglücklich nur, dass die 61 Jahre alte Frau sich nicht der Moderation von Sandra Maischberger beugen wollte. „Deutschlands prominenteste Ex-Hure“, wie Domenica angekündigt wurde, hatte einiges zu sagen, und sie wollte sich sicher nicht den Mund verbieten lassen. Die roten Fäden, die die Moderatorin ihrem Gast mit für jeden Zuschauer sichtbarer Mühe anbot, interessierten die ehemalige Prostituierte nicht. Sie begeisterte lieber mit Zwischenrufen.

          Die Maischberger-Welt und die Domenica-Welt passten einfach nicht zusammen

          „Diese Verherrlichung hört sich schrecklich an“, tönte Domenica immer wieder mit rauchiger Stimme, denn natürlich waren auch zwei Prostituierte geladen, die ihren Job als „ganz normalen Beruf“ sehen wollten. Eine davon ist wohlgemerkt Bordellbesitzerin (oder „Puffmutter“, wie sie sich auch nennt), die andere wollte nur beim Vornamen genannt werden, zahlt angeblich Steuern und hat angeblich keinen Zuhälter.

          Domenicas Kommentare waren in dieser verlogenen Atmosphäre Gold wert und entlarvten so manche Sprechblase. Doch gleichzeitig verhinderten sie das Entstehen einer sanften Debatte, die die Moderatorin - völlig ohne Erfolg - anzustoßen versuchte.

          „Neue Methoden“ der Zuhälter?

          Natürlich gab es auch noch Gäste, die gerne nach einem Moment des Klamauks zur Diskussion übergegangen wären: eine Marburgerin, die in einer Bürgerinitiative gegen den Bau eines Großbordells kämpft, ein Parlamentarischer Staatssekretär aus dem Familienministerium, ein besonnener ehemaliger Kriminalkommissar.

          Manchmal gab es sogar kurze Ansätze einer Debatte, zum Beispiel über die „neuen Methoden“ der Zuhälter, die mehr auf Liebe oder vermeintliche Liebe setzten als auf Schläge; oder über die Freier, die hingegen zunehmend gewalttätiger würden; oder über die Klickzahl, die es braucht, um von Bordell-Internetauftritten auf Seiten mit pornographischen Bildern von Kindern zu kommen (drei Klicks).

          Der Staatssekretär monierte, die Legalisierung der Prostitution habe nicht dazu beigetragen, dass mehr Prostituierte Arbeitsverträge hätten, was die Bordellbesitzerin scheinheilig damit begründete, so könnten die Huren sich schnell einmal vom Freier zu einem Urlaub einladen lassen.

          Völlig aus dem Konzept gebracht

          Insgesamt aber ging der Versuch, das Prinzip lärmender mittäglicher Talkshows mit dem abendlicher Gesprächsrunden zu vereinen, über eine Stunde lang gründlich schief. Maischberger schaffte es nicht einmal, die Umfrage anzukündigen, die zwischendurch eingespielt werden sollte, ohne von Domenica nicht nur unterbrochen, sondern völlig aus dem Konzept gebracht zu werden.

          Die Maischberger-Welt und die Domenica-Welt passten an diesem Abend einfach nicht zusammen und werden es wohl auch nie tun, weshalb man von diesem Thema (oder zumindest von diesem Gast) wohl lieber von vornherein die Finger gelassen hätte.

          Während Maischberger sich beispielsweise scheinbar freute, dass man mit dem geschniegelten Wiener Bordellbesitzer wenigstens zwei vernünftige Sätze über seinen geplanten Börsengang wechseln konnte, patzte Domenica mit kluger Ironie dazwischen: „Datt is'n Pech. Jetzt, wo ich ausgestiegen bin, gehen die an die Börse.“

          Nach einer halben Stunde Sprücheklopferei war es dann aber auch genug, und Domenicas Zusatznutzen für den Zuschauer schrumpfte sichtlich. Die Moderatorin blickte nun bei jedem ihrer Einwürfe stets so pikiert, dass man befürchtete, sie würde bald den Raum verlassen. Dann hätte man sich auch endlich losreißen, den Fernseher ausmachen und schlafen gehen können.

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