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FAZ.NET-Fernsehkritik: Maybrit Illner : Guter Populismus, böser Populismus

Ließ über den Wahlkampf diskutieren: Maybrit Illner Bild: ddp

„Wie platt darf Wahlkampf sein?“, fragte Maybrit Illner gestern Abend ihre Gäste. Die Sendung bewies: Wahlkämpfe tragen zur Volksbildung bei - das Volk lernt zwar nicht die Politik, aber seine Politiker kennen.

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          Volkstümliche Musik ist o.k., darum heißt sie ja mitunter auch „Pop“, was von populär kommt. Volkstümliche Küche ist auch o.k., jedenfalls so lange das Volk nicht „Engländer“ oder „Holländer“ heißt. Und auch wenn jemand sagt, die Unterscheidung zwischen „U“ und „E“, unterhaltender und ernster Literatur zum Beispiel, sei lachhaft, darf er auf Beifall hoffen.

          Warum sollte das unterhaltend Populäre nicht ernsthaft sein, der Ernst nicht verbreitungsfähig? Auch würde sich niemand gegen eine Religion wenden, nur, weil sie sich an alle richtet, mit Wunderglaube, Jenseitshoffnung und Sinn für die Nöte der kleinen Leute. In manchen Ländern wird sogar im Recht, durch die Geschworenenjustiz oder durch Schöffen, Rücksicht aufs Volk, auf Laien also, genommen.

          Auf all diesen Gebieten - Recht, Religion, Unterhaltung und Küche - hat das Volk einen guten Ruf. Nicht so auf dem Gebiet, auf dem es eigentlich zur Herrschaft aufgefordert wird: auf dem Gebiet der Demokratie. Denn wehe, ein Politiker appelliert an das, was viele empfinden. Dann muß es falsch, weil populistisch sein. Ausgerechnet in der Politik, in der Demokratie, soll es also nicht populär zugehen? Maybrit Illner ließ über den Wahlkampf diskutieren, den hessischen vor allem, denjenigen Roland Kochs im Besonderen. Durfte der das?

          Welche Populismen sind erlaubt?

          Es gibt erlaubte und unerlaubte Populismen, meinte Michael Jürgs, der als ehemaliger Chefredakteur des „Stern“ eigentlich Verständnis dafür hätte haben können, dass so eine Unterscheidung nichts bringt, weil sie nur die Wünsche dessen ausdrückt, der sie trifft. Gut populistisch fand er zum Beispiel, von der Firma „Nokia“ Subventionen zurückzuverlangen. Von denen aber hätte er wissen können, dass sie, rechtlich betrachtet, nicht zurückverlangt werden können. Also geht es auch beim guten Populismus mehr ums Empfinden als ums Nachdenken, nur dass er die Gefühle gegen die richtigen Gegner schürt?

          Michael Naumann (SPD), der in Hamburg an die Macht kommen möchte, fand Populismus auch keine schöne Sache und verwendete in jedem zweiten Satz das Wort „rational“, um die eigenen Absichten zu verzieren. Mindestlöhne - ja, das sei ein „rationales und interessantes Thema“, aber Jugendkriminalität war für ihn keines, sondern so uninteressant, dass er nicht einmal wußte, wer für die Jugendhilfe zuständig ist, nämlich die Kommunen und nicht die Länder. Andererseits sagte er: „Die Menschen sind so, wie sie sind.“ Also rational? Oder voller Ressentiment? Oder beides?

          „Narzisstischer Wettstreit“

          Das Menschenbild hilft offenkundig auch dann nicht weiter, wenn es durch Psychoanalyse der Volksseele noch schwärzer gezeichnet wird: Hans-Joachim Maatz befand, viele Menschen wollten nicht ernsthaft nachdenken, auch bei der Talkshow selber handele es sich nur um einen „narzisstischen Wettstreit“, tiefere Analysen würden ausbleiben. Dass er selber ein paar Minuten zuvor empfohlen hatte, Merkel und Steinmeier sollten sich einmal, zusammengesperrt, mitteilen, was in ihnen wirklich vorgeht und was sie wirklich voneinander halten, also gewissermaßen total offen und ehrlich und, wie Maatz sagte, ohne Schauspiel, das war als Tiefpunkt der politischen Naivität schon vergessen.

          Was hätten sie sich denn zu sagen, die Funktionsträger, als Menschen? Das, „was die Menschen wirklich interessiert“ (Claus Strunz) und in der „Bild am Sonntag“ steht? Dass den hessischen Ministerpräsidenten sein Oppositionsthema „Jugendgewalt“ offenbar Stimmen kostet und es die Schulen sind, für die sich etliche seiner Wähler wirklich interessieren, kam in dieser politischen Anthropologie des Boulevards nicht vor. „Volksbildungsveranstaltungen“ nannte Oswald Metzger (einst grün, demnächst etwas anderes) die Wahlkämpfe, wenn sie für Aufklärung genutzt würden und der Politiker „einen Ethos“ habe. Das stimmte aber nicht ganz, denn wie die Sendung bewies, tragen Wahlkämpfe auch ohne aufklärerische Zusatzbedingung zur Volksbildung bei: Das Volk lernt zwar nicht die Politik, aber seine Politiker kennen. Und es erfährt, wenn es genau zuhört - also doch eine Zusatzbedingung! -, was sie von ihm halten.

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