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FAZ.NET-Fernsehkritik : Maischbergers Mühe mit Mensch Lagerfeld

Keine wirkliche Begegnung: Maischberger und Lagerfeld Bild: WDR/Ernst

Magermodels hält er für Einzelfälle, seine immergleiche Kleidung packt er in neunzehn Koffer und Bekannte aus frühen Tagen beschimpft er als „Lustgreise“: Karl Lagerfelds Auftritt bei Sandra Maischberger geriet gestern abend zum zähen Ringkampf. Von Michael Hanfeld.

          Es ist schon recht mühsam, womit die ARD allabendlich ihr Programm abbindet. Bis Mitternacht soll es die Zuschauer ja vor dem Bildschirm halten, und also brauchen Talkshows wie „Beckmann“ und „Maischberger“ genauso wie Harald Schmidt und das Jungmagazin für Ältere, „Polylux“, zumindest einen Funken Esprit, einen Hauch von Bedeutung oder am besten eben Unterhaltsamkeit, um zu rechtfertigen, daß sie da sind, wo früher einmal ein anspruchvolleres Programm war.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Sandra Maischberger im Gespräch mit Karl Lagerfeld gab es diesen Widerhaken am Dienstag abend sogar, allerdings mußte man eine Dreiviertelstunde Bramarbasieren hinter sich bringen, bis sich der Modemacher bequemte, einmal etwas Interessantes, Vernünftiges zu sagen, etwas, das wir nicht von Dieter Bohlen hören könnten.

          Er haßte Kinder

          Eigentlich hätte Sandra Maischberger ihre Sendung kurz nach Beginn schon beenden müssen. Als nämlich ihr einziger Gast Karl Lagerfeld seinerseits zu gehen drohte, weil sie ihn mit Äußerungen von zwei vermeintlichen Jugendfreunden konfrontieren wollte. Lagerfeld hatte aber keine Freunde, er hat nie mit anderen gespielt, ja er haßte Kinder. Trotzdem tauchten in einem Einspieler zwei ältere Herren auf und erzählten, daß der spätere Modemacher immer für sich geblieben sei. Mit Puppen habe er gespielt und ihnen Kleider angezogen. Die Zeugnisse der beiden „Lustgreise“, wie er sie nannte, waren Lagerfeld erkennbar unwillkommen. Sie wissen nichts von ihm, er kennt sie nicht, also warum sollten sie etwas über ihn sagen? Er erwarte nichts von anderen, übe aber auch selbst keine Kritik und überhaupt: Was soll der ganze Quatsch?

          Das war die Minute, so gegen viertel nach elf, in der man hätte umschalten sollen. Die Bayern waren gerade nach einem blöden Eins zu Eins gegen Inter Mailand vom Platz geschlichen, Bremen flog gegen Barcelona aus der Champions Leaugue ganz heraus und bei Pro Sieben schlichen die Jungärzte von „Grey's Anatomy“ aus dem OP. Währenddessen setzte bei Maischberger ein zähes Ringen ein, denn die Show sollte ja noch 45 Minuten weitergehen. Also arbeitete sich die Moderatorin mit den üblichen Mitteln vor: Bilder aus der Jugend, Zettelchen mit Zitaten, Einspieler von alten Interviews, doch nichts wollte so recht gelingen.

          Klischee, Klischee, Klischee

          Mode ist nicht Sandra Maischbergers Hauptfach, sie scheint augenblicklich ja auch eher den Merkel-Stil zu pflegen. Und Lagerfeld wollte auf seinem ureigensten Feld keinen Handbreit Boden abgeben. Magermodells, die sich zu Tode hungern? Einzelfälle! Drogen! Familienprobleme! Aber doch keine Angelegenheit, die für die Modebranche typisch sei. Alles Klischee, Klischee, Klischee.

          Und alles zäh und zäh und zäh - nicht nur weil Lagerfeld Frage um Frage offenbar völlig blödsinnig fand, sondern weil man ihn auch kaum versteht. Er redet in einem Wahnsinnstempo. Macht. Aber. Trotzdem. Hinter. Jedem: Wort. Eine. Miniatempause. Das daraus resultierende Stakkato muß man erstmal aushalten. Lagerfeld selbst hatte dazu wenigstens einen der besseren Sprüche des Abends auf Lager: Man habe ihm immer gesagt, „für den Stuß, den du redest, kannst du nicht viel Zeit beanspruchen“. Das sollte man mal zur Leitlinie der abendlichen Talkshows von Beckmann bis Kerner machen.

          Nachthemd als Morgenkittel

          Was erfuhren wir noch? Daß Lagerfeld in weißen Nachthemden aus Popelyne Imperial schläft und diese auch als Morgenkittel trägt. Daß er nicht weiß, wie viele Badezimmer und wie viele Toiletten es in seinen Häusern gibt. Daß er nicht daran denkt, dauerhaft in Deutschland zu leben statt in Paris. Daß er sich als Europäer fühlt und mit Nationalstolz oder Heimatgefühlen und auch mit der Familie nichts anfangen kann. Daß alleine zu sein für ihn der größte Luxus ist und daß er auf Reisen mit neunzehn Koffern unterwegs ist, weil er sehr viele Kleidungsstücke braucht, um immer gleich auszusehen. Daß er selbst nicht Auto fährt: „Ich wäre schon lange tot, wenn ich weitergefahren wäre.“

          Daß er unpünktlich ist, weil er dies für einen Ausdruck von Höflichkeit hält. Daß er den Streit um Grass für etwas übertrieben hält, aber gleichzeitig meint, daß da jemand über lange Zeit etwas hoch zu Roß saß. Daß er die Rolle der Juden für das Kulturleben in Deutschland in ganz besonderem Maße schätzt. Daß er befürchtet, Europa könne zu einem einzigen großen Disneyland werden, erdrückt zwischen dem starken Amerika und dem heranstürmenden Osten. Daß er wenig von Religion hält: „Ich bin nicht sicher, daß die Idee von Gott eine gute Erfindung war.“ Und schließlich: daß er an das Schlechte im Menschen glaubt und keinen Ausweg sieht, ihn das aber auch nicht sehr erschüttert. „Es fängt mit mir an, es hört mit mir auf“, sagte er zum Schluß. Und Vorhang. Irgendwann ist es eben vorbei. Warum sollten seine Freunde sich dann die Mühe machen, zu seiner Beerdigung zu kommen, zu der er selbst ja auch nicht hingehen könne?

          So ging es hin, das vollkommen Belanglose lag direkt neben dem ansatzweise Persönlichen und Tiefgründigen. Auch wenn er es sicher zu verhindern trachtete, so haben wir den Modemacher, der nicht einmal die Sonnenbrille abnehmen wollte und 42 Kilo abgenommen hat, weil er sich für zu dick hielt, ein bißchen nackt gesehen. Durch das, was er nicht sagte, was er schnell überging und was er wegredete. Das war sehr, sehr mühsam, für Sandra Maischberger und für uns.

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