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FAZ.NET-Fernsehkritik : Krawallmacher bei „Christiansen“

Einer wie Lafontaine soll gegen den Strich bürsten Bild: AP

Es ist wirklich schade, dass bei Themen von politischer Bedeutung - wie dem Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan - immer Oskar Lafontaine eingeladen wird. Dessen Lust, die Lunte zu legen, ist weder durch Kenntnis noch durch Klugheit gebremst. Von Michael Hanfeld.

          4 Min.

          Es ist wirklich schade, dass bei Themen von politischem Rang, von gesellschaftlicher Bedeutung und von aktueller Brisanz im deutschen Fernsehen immer Oskar Lafontaine als Krawallmacher eingeladen wird. Das Kalkül ist schon klar: Man braucht einen, der radikal gegen den Strich bürstet, um eine Debatte zu befeuern. Aber es wäre schön, wenn man endlich mal jemanden fände, dessen Lust, die Lunte zu legen, wenigstens ein wenig durch Kenntnis und Klugheit gebremst würde.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zu einer Zeit, in der die Bundeswehr in Afghanistan drei Tote und vier Verletzte zu beklagen hat, fällt ihm bei „Sabine Christiansen“ nichts anderes ein, als zu behaupten, dass die Bundeswehr „mittelbar in terroristische Aktionen verwickelt“ sei. Denn Terror sei durch die rechtswidrige Anwendung von Gewalt definiert und unter dieser Definition seien George W. Bush und Tony Blair und andere „Terroristen, weil sie in großem Umfang rechtswidrig Gewalt angewandt haben im Irak und Hunderttausende ums Leben gekommen sind“. Atemraubender als die drei Soldaten und die Afghanen, die am vergangenen Samstag bei einem Selbstmordanschlag in Kundus getötet wurden, sind wohl selten Opfer eines Attentats politisch instrumentalisiert worden.

          Alles in einen Topf

          Denn was Bush und Blair im Irak angezettelt haben, das hat mit Afghanistan und mit dem Einsatz der Bundeswehr dort, ja selbst mit den Tornado-Flügen im Süden - um mit Lafontaines Jargon zu reden - sehr „mittelbar“ etwas zu tun. Die getöteten Deutschen waren auf dem Markt von Kundus unterwegs, um für ihre Truppe Besorgungen zu erledigen. Sie haben sich nicht in ihrem Lager verschanzt, wie es die Amerikaner tun. Sie haben nicht gekämpft. Sie sind aufgetreten als militärische Absicherung des zivilen Wiederaufbaus von Afghanistan, dem sich die deutsche Außenpolitik verschrieben hat.

          Man kann dazu eine Menge kritische Fragen haben. Man kann darüber nachdenken, ob der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck mit seiner Einlassung Recht hatte, dass „unsere“ Freiheit am Hindukusch verteidigt wird. Und man kann darüber streiten, ob die Bundeswehr weiterhin allein als bewaffnetes Technisches Hilfswerk auftreten oder gemeinsam mit den militärischen Partnern im Süden des Landes kämpfen soll, wo nichts anderes als Krieg herrscht. Was man aber nicht kann, ist, sich auf die Fehler der amerikanischen und der britischen Weltmachtpolitik zurückziehen, alles in einen Topf zu werfen, nicht zu differenzieren, nicht nach den Konsequenzen zu fragen, die ein Abzug der westlichen Truppen hätte, und vollkommen außer Acht zu lassen, mit was und mit wem man es in Afghanistan zu tun hat: Mit einem Land nämlich, dessen Menschen sich nach rund dreißig Jahren Krieg nichts sehnlicher wünschen als Frieden und ein paar zaghafte Anzeichen, dass es besser wird. Mit einem Land, in dem die Taliban zwar großen Rückhalt besitzen - vor allem im Süden, weil dort die Paschtunen leben und sie ein natürlicher Teil der paschtunischen Stammeswelt sind - aber nichtsdestotrotz die Allerletzten sind, welche die Afghanen wieder an der Macht sehen wollen.

          Die Taliban sind es, die den zivilen Wiederaufbau verhindern; sie sind es, die Hilfsorganisationen mit ihren Anschlägen aus dem Land halten; und sie sind es, die mit ihren Anschlägen für die meisten zivilen Opfer unter den Afghanen verantwortlich sind.

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