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FAZ.NET-Fernsehkritik : Kommissar Kerner im Knast

Jens Söring im amerikanischen Gefängnis
          5 Min.

          Johannes B. Kerner ist bekannt dafür, dass er in seiner Sendung häufig dann den Einsatz verpasst, wenn er den Rhythmus verändern könnte. Auch verfällt er manchmal mit seinen Gesprächspartnern ins Plaudern, so dass es sichtlich nur noch ihm und seinem Gegenüber Spaß macht, während der Zuschauer gähnend vorm Fernseher sitzt und die Fernbedienung sucht, um sich zu erlösen.

          Marco Dettweiler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ausgerechnet bei der Sendung, in welcher der Mensch, um den es sich während der gesamten Sendezeit drehen sollte, gar nicht im Studio war, vergingen späte 70 ZDF-Minuten erstaunlich kurzweilig. Das hatte vor allen Dingen mit dem Thema zu tun, aber auch mit den Fragen des Moderators.

          Es lag nicht an den fehlenden Bemühungen von Kerner und seinem Team, dass Jens Söring nicht auf einem der Sessel Platz nehmen konnte. Der deutsche Diplomatensohn sitzt nämlich seit nunmehr 21 Jahren in einem amerikanischen Gefängnis im Bundesstaat Virginia. Er ist zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt, weil er die Eltern seiner damaligen Freundin brutal ermordet haben soll. Als der Mord geschah, war Söring gerade mal 18 Jahre alt. Er hat also mehr Zeit seines Lebens in Gefangenschaft verbracht als in Freiheit (siehe auch: Zum Weiterleben verurteilt).

          Elizabeth Haysom (auf dem Bild im Jahr 1987) und Söring (hier auf einem Bild aus dem Jahr 1990)
          Elizabeth Haysom (auf dem Bild im Jahr 1987) und Söring (hier auf einem Bild aus dem Jahr 1990) : Bild: AP

          Ein wacher, intelligenter Mensch

          Kerner war nach Virginia geflogen, um Jens Söring in der Strafvollzugsanstalt am Rande des kleinen Ortes Lawrenceville in Virginia zu besuchen und ihn für die Sendung zu interviewen. Journalisten vom ZDF sind für den Gefangenen keine Unbekannten, das Zweite hatte ihn schon einmal besucht für die Dokumentation „Lebend begraben“. Das aufgezeichnete Gespräch machte zeitlich und inhaltlich den Großteil von Kerners Sendung aus.

          Und das war gut so: Söring ist ein wacher, sympathischer, intelligenter Mensch, dem man gerne zuhört, der weder wie ein brutaler Mörder aussieht noch den Eindruck erweckt, er hätte sich selbst aufgegeben. Es stellt sich also schnell der Eindruck ein: Da sitzt ein Unschuldiger im Gefängnis. Und gerade weil der Zuschauer aus Dokumentar- und Kinofilmen weiß, dass der Charakter und der Intellekt eines Menschen kein Beweis für seine Unschuld ist, faszinierte Kerners Gesprächspartner um so mehr.

          „Ich bin unschuldig“

          Zugegebenermaßen spricht vieles für Unschuld des Verurteilten, aber der Fall bleibt skurril: Der Diplomatensohn Söring ging damals mit einem Stipendium nach Amerika und lernte dort die zwei Jahre ältere Elizabeth Haysom kennen. Sie sei die „beliebteste und begehrteste Frau im Wohnheim“ gewesen, sie hätte sich ihn ausgesucht. Sie werden ein Liebespaar. Wenige Monate später findet die Polizei die Leichen von Elizabeths Eltern in ihrem Haus. Sie wurden mit mehreren Dutzend Messerstichen ermordet.

          Anfangs werden weder Söring noch Elizabeth verdächtigt. Doch nachdem allmählich auch Ermittlungen gegen sie aufgenommen werden, fliehen die beiden und werden schließlich in London gefasst. Der Deutsche gesteht zunächst die Tat. Doch vor einem amerikanischen Gericht nimmt er später das Geständnis zurück. Bis heute bleibt er dabei: „Ich bin unschuldig.“

          Das Schuldgeständnis - ein juristischer Kniff

          So hat sich die Geschichte Ende der achtziger Jahre vielen Amerikanern eingeprägt. Einige werden sich gefragt haben: Warum gesteht jemand eine Tat, die er nicht begangen hat? Jens Söring sagt, er habe seine Freundin schützen wollen. Er habe geglaubt, dass er aufgrund seiner diplomatischen Immunität nach Deutschland ausgeliefert, dort nach dem Jugendstrafgesetz verurteilt und vermutlich nach weniger als zehn Jahren wieder entlassen würde.

          Dass er nicht bereits tot ist, liegt an einem juristischen Kniff. Denn in Amerika wartete die Todesstrafe auf Söring. Doch weil er in seiner Londoner Haft behauptete, dass er schuldig sei, lieferte die britische Regierung ihn nur unter der Bedingung aus, dass Amerika von der Todesstrafe absehe. Und das geschah. Er wurde „nur“ zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt.

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