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FAZ.NET-Fernsehkritik : Kerzen im Landhaus Starnberg

Mit Sahner am Kamin: Veronica Ferres Bild: obs/Das Vierte

Als Starreporter des Magazins „Bunte“ ist Paul Sahner mindestens semilegendär. Mit stolzen zweiundsechzig Jahren bekam er nun seine erste Fernsehsendung - auf dem Kanal „Das Vierte“. Die Fernsehkritik von Jochen Hieber.

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          Noch bevor Paul Sahner, der zweiundsechzig Jahre alte und inzwischen mindestens semilegendäre Starreporter des Magazins „Bunte“, mit der ersten Ausgabe seiner ersten Talkshow im Fernsehen begann, war für den produzierenden Sender die Rechnung bereits aufgegangen: Man redet wegen „. . . bitte mit Sahner“ plötzlich (und ebenfalls erstmals) über „Das Vierte“, jene ansonsten harmlos nette Abspielstation für etwas angestaubte Hollywoodfilme vom Schlage „Bitte nicht stören!“ aus dem Jahr 1965 (heute um 20.15 Uhr) oder „Das Grauen kommt um 10“ vom Ende der Siebziger (morgen zur gleichen Zeit) - auch wegen Nostalgieserien wie „Drei Engel für Charlie“ oder „Hart, aber herzlich“ nutzt man schon mal die höheren Kanalnummern der häuslichen Fernbedienung.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nun also Sahner als Eigenproduktion. Wenn nicht alles täuscht - aber wieso sollte es das? -, war die mediale Vorberichterstattung, die wir seit etwa Ende Januar genießen durften, das Interessanteste an diesem neuen Format. Denn die ersten vier der zunächst auf sechs Folgen geplanten Plauderreihe sind derart gepflegt, gediegen und steril, dass man sie wahlweise auch harmlos und zahnlos nennen darf. Etwas verstört studiert man jedenfalls die Pressemitteilung des „Vierten“, die als gewiss authentisches Zitat über den Interviewer Paul Sahner kolportiert, er sei „oft unverschämt, aber nie langweilig“. Das mag für den Magazinprofi Sahner mehr oder weniger gelten, für den Fernsehdebütanten aber trifft mit Sicherheit das schiere Gegenteil zu - er ist immer langweilig, dafür nie unverschämt.

          Ausschließlich Schauspieler

          Eingeladen hat er für seine Debütabende ausschließlich Schauspieler - und ausschließlich solche, mit denen er auf vertrautem Fuße steht, also per du ist: Veronica Ferres, Hannes Jaenicke, Mario Adorf und Max von Thun. (Gibt es eigentlich in der Showbranche überhaupt jemanden, mit dem Sahner nicht per du ist?) Das Ganze, so hat es der televisionäre Talknovize in einem Vorabinterview mit sittsam gesetzter Referenz an seinen Produzenten korrekt beschrieben, findet „am Kamin von Oliver Mielkes Landhaus am Starnberger See“ statt. Im Kamin flackert vier Mal eine Dreiviertelstunde lang das immer gleiche, also auch schon semiewige Feuer, vier Mal fünfundvierzig Minuten lang erhellen (statt Scheinwerfern) Dutzende von Kerzen den Raum: der Eindruck eines Bürgersalons als Luxusgruft ist auf solche Weise gar nicht zu vermeiden.

          Mindestens semilegendär - als Magazinjournalist

          Und was erfährt man von Sahners Gästen? Von Veronica Ferres etwa, dass ihr „Demut und Dankbarkeit“ wichtig sind, von Mario Adorf, dass er deutsche Frauen den italienischen vorzieht, und von Max von Thun, dass er mit dem Älterwerden (er ist dreißig) keine Probleme hat. Den bissigsten Moment liefert Hannes Jaenicke, als er Gerhard Schröder, den er einst unterstützt hat, wegen dessen Auftritts in der September-Wahlnacht des Jahres 2005 mangelndes Format attestiert. Für die ersten hundertachtzig Fernsehminuten des Paul Sahner ist das höchst bescheiden.

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